Von Christian Schmidt-Häuer

Es gibt da eine merkwürdige Diskrepanz. Der sowjetische Alltag gilt im Urteil der westlichen Öffentlichkeit allgemein als grau und eintönig. Gleichzeitig aber verlockt es Verlage und auch Leser immer wieder, diesen Alltag als abenteuerlichen Pfad hinter die potemkinschen Dörfer der Kreml-Propaganda zu präsentieren oder präsentiert zu bekommen.

Der Korrespondent der New York Times, Hedrick Smith, bezog vor einigen Jahren aus dieser Diskrepanz die Dramaturgie für seinen Enthüllungserfolg „Die Russen“ (ZEIT, Nr. 24 vom 4. 6. 1976). Smith drang mit vorbildlichen Recherchen tatsächlich in den Alltag ein, belegte Vermutungen, bekräftigte Urteile und Vorurteile. Er bewies freilich auch, daß Blicke hinter die Kulissen nicht immer Einsichten vermitteln. Dazu wären Bezüge und Rückgriffe auf geschichtliche Zusammenhänge erforderlich gewesen, Enthüllungen also ohne Schlüsselloch-Appeal. Solche Versäumnisse nachzuholen, war die Chance des Buches von

Nils Morten Udgaard: „Der ratlose Riese – Alltag in der Sowjetunion“, aus dem Norwegischen von Reinhold Dey; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1979; 326 S., 24 DM.

Der norwegische Journalist und Politologe – vier Jahre Korrespondent in Moskau, zur gleichen Zeit wie Smith – hat offensichtlich mehr Zeitungen ausgeschnitten als Leute ausgefragt. Er bietet keine Entdeckungsreise, er breitet sein Archiv aus, ohne es aufzubereiten. Die Bewertungen von Details stimmen, aber die Details werden nicht in wertende Zusammenhänge gebracht.

Selbst die besten Teile über Wirtschaft, Informationswesen und soziologische Forschung sind nicht mehr als eine Chronik gelaufener Ereignisse. Die Porträts von Solschenizyn, Sacharow und Medwedjew bleiben oberflächlich hingeschriebene Zeitungsartikel. Und wenn ein Katige Seiten umfaßt – dann kann auch die politische Sachlichkeit des Autors nicht mehr nachsichtig stimmen. Wer nicht an Hand der Nationen und ihrer Geschichte das brisante Gemisch aus Traditionen, Loyalitäten und Oppositionen erkennbar macht, das heute parallel zur offiziellen sowjetischen Gesellschaft zum Beispiel eine islamische Gesellschaft und andere nationalreligiöse Grauzonen wachsen läßt – der vermittelt nicht, warum der Riese ratlos ist,

Wie weit aber geht diese Ratlosigkeit? Ist sie schon Ausweglosigkeit, der allmählicher Verfall folgt? Bedeutet sie, daß die Partei ihr Handlungswissen noch einmal so restlos einbüßen kann wie unter Stalin, als „die Begründung von Handeln und das Handeln selbst zum Werk einer einzigen Person mystifiziert werden konnte“? Wie weit verstärkt Ratlosigkeit die Gruppeninteressen, wie sehr bestimmen diese wiederum die Außenbeziehungen der Weltmacht? Und beeinflußt, umgekehrt, die Außenpolitik kleinerer Staaten die Sozialverfassung des fast autarken, aber „ratlosen Riesen“? Das sind Fragen, die sich aufdrängen bei der Lektüre von