Von Hans C. Blumenberg

Noch ist Polen nicht verloren“, raunt es von ferne um das einsam gelegene Landhaus in der Nähe von Krakau. Nebelschwaden jagen durch den Wald, geheimnisvolle, blutige Gestalten aus Polens tragischer Geschichte brechen plötzlich in ein trunkenes, frenetisches Hochzeitsmahl im Jahre 1900 ein. Die Vermählung des Dichters mit dem Bauernmädchen, die utopische Allianz zwischen Stadt und Land, Poesie und Natur endet in einem surrealen Gespenster reigen. Im Morgengrauen stehen die Bauern mit geschulterten Sensen zum Aufstand gegen Österreich-Ungarn, gegen Preußen und gegen Rußland bereit. Aber niemand gibt ihnen das Zeichen. Sie erstarren zu einem heroischen Tableau.

„Die Hochzeit“ heißt das pathetische Versdrama von Stanislaw Wyspianski, das Andrzej Wajda 1973 verfilmte: eines der wichtigsten Stücke der polnischen Nationalliteratur, 1901 uraufgeführt, eine stilisierte, symbolschwere Einkreisung polnischer Träume und polnischer Niederlagen. Und nur Andrzej Wajda durfte es wagen, dieses schwierige, für Ausländer ohnehin kaum verständliche Stück für das Kino zu adaptieren.

Noch ist Polen nicht verloren: Dieser Satz erscheint wie das Leitmotiv des Kinos von Andrzej Wajda. Er hat viele seiner Figuren begleitet, aber nie als leichtfertiges Propagandamotto, sondern immer wieder als bitterer Nachruf für viele Generationen verlorener polnischer Helden: für die polnischen Legionen, die im Dienste Napoleons in Spanien verbluteten, von der vergeblichen Hoffnung getrieben, der französische Kaiser wurde ihre Nation wieder aufrichten („Die Legion“, 1965); für die jungen polnischen Entrepreneurs, die kurz vor der Jahrhundertwende in der barbarischen Goldgräberstadt Lodz gegen die Konkurrenz von Deutschen und Juden die Textilindustrie an sich reißen wollten („Das gelobte Land“, 1975); für die polnischen Kavalleristen, die im Herbst 1939, nur mit Lanzen bewaffnet, gegen die Panzer der deutschen Invasoren antraten („Lotna“, 1959); für die jungen Kämpfer des Warschauer Aufstandes von 1944, Kommunisten, aber auch andere, Angehörige der von London aus gesteuerten „Home Army“ („Der Kanal“, 1957); schließlich auch für den jungen antikommunistischen Partisanen, der am 8. Mai 1945, dem ersten Tag des Friedens, in einer kleinen polnischen Provinzstadt halb widerwillig einen kommunistischen Funktionär erschießt und selber auf einem riesigen Müllhaufen verendet („Asche und Diamant“, 1958).

Nicht alle diese Figuren sind Helden für die Geschichtsbücher, am wenigsten Zbigniew Cybulski in Wajdas berühmtestem Film „Asche und Diamant“, ein existentialistischer, todessüchtiger Rebell ohne Sache. Und auch der skrupel- und maßlose Kapitalist, den Wajdas Lieblingsdarsteller Daniel Olbrychski (bei uns durch Schlöndorffs „Blechtrommel“ bekannt) im „Gelobten Land“ darstellte, kann nicht gerade als moralisches Vorbild dienen.