Von Margrit Gerste

Kuala Lumpur/Hamburg

Kuala Lumpur lag sechs Flugstunden hinter uns. In Sharjah am Persischen Golf war die Boeing 707 der Luftwaffe vor zehn Minuten aufgetankt worden. Sie flog bereits wieder mit 900 Stundenkilometern Richtung Hamburg – 165 vietnamesische Flüchtlinge an Bord. Da trat Ursula Hermann, einziger weiblicher Fliegerarzt der Bundeswehr im Range eines Majors, ins Cockpit und erklärte in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete: „Wir müssen sofort umkehren!“

Der Kommandant der Maschine, Oberstleutnant Georg Flämig, gab also dem Tower in Sharjah, einem frisch aus der Wüste gestampften Flugplatz in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das Notsignal.

Zwei Leben standen auf dem Spiel. Auf den Ruhesitzen der Piloten krümmte sich die hochschwangere Ton Thi Lan in heftigen Wehen. Die zierliche Vietnamesin, noch keine achtzehn Jahre alt, klammerte sich in panischer Angst an ihren Mann. Sie blutete stark. Oberstabsärztin Hermann: „Dies wird keine normale Geburt. Das Kind liegt quer.“

Kommandant Flämig hatte vor der Landung noch ein Problem zu lösen: Er mußte – Ölkrise hin, Ölkrise her – über der Wüste 9000 Liter Treibstoff ablassen, bevor die Maschine in Sharjah landen konnte. Zwanzig Minuten später setzte die Boeing auf dem Wüstenflugplatz hart auf und stoppte direkt neben einer Ambulanz des Roten Halbmonds. Das arabische Flughafen- und Sicherheitspersonal schien überrumpelt. Die kleine Ton Thi Lan, deren Puls nur noch schwach ging, ihr Mann Phu Tho Hoang, die Ärztin und Schwester Roswita vom Bundeswehrkrankenhaus Koblenz konnten ohne größere Kontrollen passieren. Zehn Minuten brauchte der Wagen für die Strecke zum Krankenhaus von Sharjah, die die schweren Wagen der Scheichs gewöhnlich in 20 Minuten zurücklegen. Keine fünf Minuten später wurde das Kind mit der Zange auf die Welt geholt: Ein kleiner Araber mit Schlitzaugen war geboren.