Gelingt es noch, die Basis des Revolutionsregimes zu erweitern, bevor es stürzt?

Von Andreas Kohlschütter

Kabul, im August

Die grellen Scheinwerfer, die sich jede Nacht nach Beginn der Dunkelheit in unkoordinierten Zuckungen über die Dächer Kabuls schieben, ruckartig die umliegenden Berghänge abtasten, das Flughafengelände anstrahlen und dann ziellos an den dunklen Himmel hinaufspringen, verraten Anspannung und Nervosität. Kabul ist nicht von außen, sondern von innen her belagert. Gefangen und eingeschlossen von Ahnungen, Angst, Gerüchten und Mißtrauen. „Die eine Hälfte der Stadt bespitzelt die andere und umgekehrt“, meint ein Botschafter, der seine Gäste hinter zugezogenen, dunklen Gardinen empfängt, um spionierenden Ferngläsern und Filmkameras kein Ziel zu bieten.

Der Besucher erlebt in zwei Wochen Kabul drei Staatsstreiche, die nie stattfanden. Es werden ihm 31 politische Morde an sowjetischen Experten, regimetreuen Mullahs, Armeeoffizieren, Aktivisten der Khalk-(Volks-)Partei gemeldet, auf offener Straße, im Zentrum der Stadt, zum Teil am hellichten Tage – aber niemand hat auch nur eine einzige Leiche gesehen.

Dieses Kabul ist besessen von Szenarios des schlimmsten Falles. Die Hysterie greift um sich, niemand vermag sich mehr ihrem psychologischen Würgegriff zu entziehen, gerade auch das Regime, nicht. Warum müssen sich offiziell geladene Journalisten, bevor sie das Amtszimmer von Premierminister Hafizullah Amin betreten, einer peinlich-gründlichen Leibesvisitation unterziehen, und warum muß ein westlicher Diplomat vor dem protokollarischen Besuch sogar seinen Kugelschreiber aufschrauben? Warum müssen, wenn die führenden „Männer des Volkes“ in ihren Mercedes-Karossen ausfahren, Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett Passanten von den Gehsteigen in die Büsche treiben? Warum werden 13jährige Schüler, die in der Klasse aus Jux ein Bild von Präsident Taraki zerreißen oder zum Spaß rufen: „Achtung, die Echwanis (Muslimrebellen) kommen!“, von der Schulbank weg verhaftet und für Monate in das berüchtigte Pul-i-Charki-Gefängnis am Stadtrand Kabuls gesteckt?

Der Polizeiterror, mit dem die Kabuler Machthaber um sich schlagen, zeugt von Aggressionen aus Angst und zugleich von der erschreckenden Perversion des im Namen von Freiheit und Fortschritt angetretenen Revolutionsregimes. Der Pul-i-Charki-Kerker, zu dem der als „Tyrann, Ausbeuter, Despot und Blutsauger“ verschriene Präsident Daud kurz vor seinem Sturz noch den Grundstein gelegt hatte, wurde von den ihm nachfolgenden „Volksbefreiern“ in Eile fertiggestellt, erweitert und prall gefüllt. Deutsche Polizeiexperten schätzten die maximale, menschenwürdige Aufnahmefähigkeit von Pul-i-Charki auf 5000 bis 6000 Häftlinge. Heute vegetieren dort, nach Aussagen ehemaliger Insassen, 12 000 bis 15 000 politische Gefangene unter schlimmsten Bedingungen.