O... Na – Nie!“ stotterte, der Anekdote zufolge, die junge Studentin, als der Herr Dr. Freud aus Wien sie nach Selbstbefriedigungspraktiken befragte.

Die wilde Lady des Punk-Rock, Nina Hagen, stotterte in Wien nicht. In der Sendung des Club 2 vom ORF am 9. August machte sie vielmehr vor, was sie sich unter partnerlosem Glück vorstellt. Die Partner des Gesprächs, auch der Moderator Seefranz, waren überrumpelt und hilflos – verblüfft sahen sie der gelenkigen und zungenfertigen Vorführung zu. Nun steht das liebe Österreich kopf und schreit – nach Hitler, Gas und KZ. Dort darf man ungestört onanieren, nicht in der Walzermetropole ...

Damit hat der Fall eine kulturpolitische Dir mension erreicht. Die hysterische Debatte, kräftig angeheizt von allen Wiener Zeitungen und im Ruf nach Rücktritt der gesamten Rundfunkleitung gipfelnd (inklusive Helmut-Kohl-Geist-Schreiber Gerd Bacher, Generalintendant der ORF), überschlägt sich. Die empörten Hausfrauen, Familienväter und nun für ihr Leben ruinierten Siebzehnjährigen sind allesamt auf einen Gedanken nicht gekommen: abschalten. Wer die Hausnummer von Postamt und Bordell verwechselt, sich zwei Stunden im Puff aufhält, um die Unanständigkeit dieser Einrichtung hinterher laut zu beklagen, ist gewiß als Tugendhüter ganz lauter und unanfechtbar.

Es mag schon sein, daß Nina Hagen vulgär war; das Leben ist manchmal vulgär, und von Pasolinis heiklen Zelluloid-Orgien bis zum gemißlichsten Würgekrimi gibt es so manchen „starken Tobak“. Niemand ist gezwungen, sich das anzusehen. Ich weiß von keiner Schulklasse, die geschlossen vor „Der kleine Dicke mit dem großen Langen“ ausgeladen wurde. Busse schon eher.

Nein, der Skandal liegt anderswo: Daß Sendeleitung, Chefredaktion, Intendanz ernsthaft erwägen, diese Sendung abzuschaffen, zu „re-organisieren“. Das Schicksal zweier Mitarbeiter ist noch unklar, der Moderator soll dort nicht mehr moderieren und der für Club 2 verantwortliche Redakteur Dr. Huemer hat seine Demission angeboten. Aber gerade diese Diskussionsrunde, von 22.30 Uhr bis oft tief in den Morgen, „open-end“ und live gesendet, ist eine der besten europäischen Sendungen – quicklebendig, informativ, nicht vorgestanzt und ausgewogen, sondern stets kontrovers; bissig, aktuell. Unvergessen das Gespräch mit Cohn-Bendit, Dutschke, Sontheimer und Walden. Andere Fernseh„macher“ träumen davon – die im Club 2 hatten den Mut. Man sollte ihnen den nicht abschnöden. Eher sollte man auf Zuschauer verzichten, die „abmurksen“ und „Peitsche durchs Maul“ am Telephon rufen und so gerne in die NSDAP eintreten wollen. Oder hat man dann keine mehr? Fritz j. Raddatz

Was das Volk empfindet: Höreranrufe an das österreichische Fernsehen

Schon wieder Dr. Seefranz ohne Krawatte.