München

Eigentlich gibt es das ja gar nicht mehr, einen volkstümlichen Journalisten. Dazu sind die Zeiten zu schnellebig, die Leute zu überfüttert. Um so bemerkenswerter ist da eine Ausnahme, die es – wenn überhaupt – selbstverständlich (?) nur in München geben kann: Wenn in diesen Tagen der Journalist Siegfried Sommer, der „Blasius“ der Abendzeitung 65 Jahre alt wird, kann es sich in der bayerischen Landeshauptstadt keine Konkurrenzzeitung leisten, ihm nicht ein paar herzliche Zeilen zu widmen.

Dann wird natürlich der Oberbürgermeister zur Feder greifen (lassen) und vermutlich auch der Polizeipräsident, der mit dem Geburtstagskind immer Tennis spielt. Und der Leser darf schon froh sein, wenn nicht wieder der CSU-Vorsitzende, wie vor fünf Jahren aus ähnlichem Anlaß, dem Sigi öffentlich versichert, daß er, Strauß, sein Leben dafür einsetzen werde, daß der Sommer Sigi „immer seine Meinung sagen darf“.

Wenn einer so hofiert wird, wenn man sich so bei ihm anbiedert, dann ist er offensichtlich eine Institution geworden. Eine durch und durch geliebte?

Der Fall liegt schon ein bißchen komplizierter. Wahr ist gewiß, daß der Siegfried Sommer in München eine starke Lesergemeinde hat, und daß die bestimmt nicht in erster Linie aus solchen Kreisen besteht, die sonst das Zeitunglesen für sich gepachtet haben. Die Leute haben wohl gemerkt, wie sich da einer den Blick für die einfachen Dinge bewahrt hat. Sie mögen es, wie er in seinen Kolumnen geradezu monomanisch um immer die gleichen Themen kreist: um seine verlorene Kindheit, um das alte, bald nicht mehr existierende München, um das „Thema Nr. 1“ sowieso, aber auch um das Ende allen Weibernachstellens – um den Tod. Und sie finden es eben auch großartig, daß ein ehemaliger Vorstadtbub, ein Installateurlehrling so gut schreiben gelernt hat und so witzig sagt, was sie sich selber oft denken: über die langhaarigen Musikanten, über die Mode der Horrorfilme, und immer wieder über die moderne Kunst. „Das Schiedsgericht“, so schreibt der Spaziergänger Blasius zum Beispiel, „das diese Bündelholz-Komposition zugelassen hat, muß mindestens 3,5 Promille gehabt haben“. So ein Satz ist ein todsicherer Erfolg, seit vielen Jahren.

Wenn einer mehrere tausend Artikel dieser Art (früher auch in der Süddeutschen Zeitung, immer schon in der Abendzeitung) veröffentlicht hat, wenn er dann noch so einprägsam indianerhaft aussieht wie der Sigi und wiederholt mit dem Walter Scheel im Augustiner sitzt, dann ist er in München ein Monument und ganz von alleine populär. Längst haben sich an ihn Leute angehängt, die von seinen Obsessionen, von seiner Sprache, von seiner Grantigkeit wenig verstehen.

Freilich sind dies die unvermeidlichen Preußen, die alles schick finden, was so ein Münchner Original von sich gibt; aber auch Intellektuelle, die sich in der Aura des Mannes aus dem Volke sonnen; und Gaudiburschen aller Art, die sich schon deshalb gerne neben ihm sehen lassen, weil sie damit sicher in einer der Zeitungs-Gesellschaftskolumnen auftauchen.