ZDF, Sonntag, 26.8.79, 19.30 Uhr: „Wir Deutsche, und das Dritte Reich“, von Eva Müthel, Karl Otmar von Aretin und Kurt Flaake

Der kleine Mann schreibt keine „Memoiren“. Darum haben ihn die Verleger und die Historiker nicht auf ihrer Rechnung. Doch er sammelt Briefe, führt Tagebücher, erinnert sich beim Bier oder bei Kaffee und Kuchen. Der kleine Mann ist immer nur das Objekt der Mächtigen. Aber er ist immer auch handelndes Subjekt: als Wähler, als Parteigenosse, als Landser, als Polizist. Warum wird er, soweit es die Geschichte des Dritten Reiches angeht, erst jetzt entdeckt – vierzig Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges?

Die ZDF-Redakteure hatten eher skeptisch nach „Augenzeugen“ gesucht – das Echo war überwältigend: Nahezu 3600 Männer und Frauen meldeten sich, fast glücklich, wie erlöst, endlich einmal ihre Erlebnisse zwischen 1933 und 1945 loszuwerden. Eva Müthel hat – mit bewundernswerter journalistischer Selbstverleugnung – sechzig von ihnen ausgewählt und stundenlang erzählen lassen – ein Volk auf der Couch, Trauerarbeit vor der Kamera. Zwanzig Zeugen sind in die dreiteilige Sendung aufgenommen worden; ihre Aussagen werden an drei Sonntagen zur besten Sendezeit ausgestrahlt.

Volksaufklärung durch das Volk – soweit, so gut. Doch welch eine Chance wurde hier vergeben! Was sind drei Teile, wenn vierzig Prozent der kostbaren 43 Minuten für die Dokumentation drauf gehen, auf die man aus gutem Grund nicht verzichten wollte. Ja, warum dann nicht zwanzig Sendefolgen? Gibt es Spannenderes, als Menschen, die Ungeheuerliches erlebt haben, zuzuhören? Übersteigt es die Vorstellungskraft der Medienkenner, das Fernsehvolk könnte sich ebenso wie einen Derrick eine lange Serie „Augenzeugen wie du und ich“ zu Gemüte führen?

Die eigentlichen Verbrecher und die eigentlichen Opfer haben sich nicht gemeldet – nur eine Jüdin (Frau eines Nichtjuden) und eine Zigeunerin (die als einzige ihrer Sippe überlebte, weil sie als Totenträgerin im KZ gebraucht wurde) sind dabei. Ansonsten ist die Auswahl repräsentativ: kleine Nazis, Mitläufer, Leute der „schweigenden“ oder zum Lügen verurteilten „inneren Emigration“, Soldaten, Hitlerjungen. Ein normaler menschlicher Querschnitt: Wieviel an (schändlich mißbrauchtem) Idealismus („Alles Edle wurde da gepflegt“), wieviel Opportunismus („Irgendwie muß ich durchs Leben kommen, egal, wie’s geht“), wieviel Feigheit („Ich konnte aber nichts machen“), aber auch wieviel Beweise menschlichen Anstands in einer Welt, die aus den Fugen geriet.

Die Zeugenbefragung hat Hintergründe zutage gefördert, die bisher nur gelegentlich von marxistisch geschulten Studenten aufgehellt wurden: den Hunger der arbeitslosen Familien in den Städten, die asozialen Bedingungen auf dem Lande, wo „erst das Vieh, dann das Gesinde“ kam. Die uns Wohlstandsbürgern schier unbegreifliche Armut und Not ließ manchem keinen anderen Ausweg, als die Startchancen zu nutzen, die ihm ein Regime darbot, das sich in zynischer Berechnung dem „Gemeinwohl“ verschrieben hatte.

Nur selten zeigt die Kamera menschliche Erschütterungen – und doch sind es diese Momente, wo man sich abwenden möchte, die im Gedächtnis haften: die SS-Funkerin, die mit ansah, wie jüdische Häftlinge gemeinsam in einen Steinbruch sprangen; der Schutzpolizist, der bei den Massenerschießungen in Rußland neugierig an der Grube stand; der SS-Soldat, der schluchzt, weil das Vaterland seine Soldaten verleugnet hat, jenes Vaterland, für das sogar noch die Männer des „Strafbataillons 999“ ihr Leben aufs Spiel setzten. Und dann das schlichte und doch so schwere Eingeständnis: „Ich habe mich geschämt“ – die Scham, die alles überdeckt, was das Dritte Reich dem einzelnen an Wohltaten, Karrieren oder erhebenden Erlebnissen gebracht haben mag.