Die Ruinenstadt Avdat ist so alt wie die Wassernot in der Negevwüste ringsum. Ganz neu hingegen ist das kleine Glashaus bei Avdat, und kein Israel-Besucher käme aufden Gedanken, daß von diesem unscheinbaren Bauwerk ein revolutionärer Impuls für die Landschaftin Wüstenländern ausgehen könnte.

Auf den ersten Blick ist es ein ganz gewöhnliches Gewächshaus mit einem dreigiebeligen Glasdach über einer Grundfläche von zehn mal zwölf Metern. Erst bei genauem Hinschauen fällt das zweite Glasdach fünf Zentimeter unter dem ersten auf. Auf diesem zweiten Dach liegt ein feuchtes, graues Stoffgewebe, das aus einem in Firsthöhe verlaufenden Tropfschlauch mit Salzwasser benetzt wird; das Wasser pumpt ein Windmotor aus dem Wüstengrund hoch. Die Flüssigkeit verdunstet auf dem inneren Dach und schlägt sich als Kondensat an der Unterseite des äußeren Daches nieder. In einer Rinne, die zum unteren Dachrand parallel läuft, sammelt sich das Kondenswasser und befeuchtet die im Gewächshaus grünenden Tomatenpflanzen.

„Wir sind fasziniert von der wahrhaft genialen Idee“, attestierte ein Gutachter der Forschungsgemeinschaft für Technische Wissenschaften. Die Idee optimiert und kombiniert die beiden Naturvorgänge Verdunstung und Dachscheiben Das graue Gewebe zwischen den Dachscheiben fördert nicht nur die Verdunstung, es gedeihliches auch die Sonneneinstrahlung auf ein gedeihliches nicht Denn bei diesem Gewächshaus kommt es nicht auf den Schutz vor kaltem Wetter an. Vielmehr soll hier der bewässerte Boden vor dem Austrocknen bewahrt, aber auch eine zu hohe Erwärmung der Luft unter dem doppelten Glasnach verhindert werden.

Die Idee kam dem Hamburger Wasserwissenschaftler Dr.-Ing. Rolf Bettaque in Süditalien, als er einen Bauern beobachtete, der sich mit zwei Eimern abplagte, um ein kleines Gemüsefeld zu bewässern: „Ich dachte mir, man müßte ihm ein Plastikzelt über die Beete spannen.“ Denn ohne solchen Schutz verdunsten vier Fünftel des Gießwassers nutzlos.

Nach Vorarbeiten am Modell und an einer Versuchsanlage der Technischen Universität Hannover ging Rolf Bettaque in die Wüste Negev, um mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und zusammen mit seinem israelischen Kollegen Professor Michael Evenari, einem Wiederentdecker historischer Bewässerungstechniken, seine inzwischen patentierte Erfindung wirklichkeitsnah zu erproben. Jetzt, nach drei Jahren, funktioniert das Salzwasser-Gewächshaus. Mit minimalem Energieaufwand (der Wind treibt die Wasserpumpe, alles übrige macht die Sonne) wird ein Maximum an Ertrag erzielt – dort, wo vorher nichts als Wüste war: dreimal soviel Paprika, Mais und Tomaten wie auf israelischen Freilandfeldern, bis zu zehnmal soviel Hirse.

In der gegenwärtigen, vom Bonner Forschungsministerium und von den Israelis finanziell geförderten Entwicklungsphase probieren Bettaque und seine Mitarbeiter, wie sie den Wärmehaushalt im Kunstklima des Gewächshauses am besten steuern können – zum Beispiel durch Verwendung von hellerem oder dunklerem Verdunstungsgewebe je nach Jahreszeit. Außerdem suchen die Forscher nach noch besserem Baumaterial und nach Wegen, wie sich die jetzige Anlage auf ein wirtschaftliches Maß vergrößern läßt.

Schon heute sind freilich alle, die mit dem Doppeldach-Treibhaus zu tun haben, davon überzeugt, daß es wegen seiner verblüffenden Einfachheit und seinen geringen Investitions- und Betriebskosten eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung des Hungers in der Welt spielen wird. Die Ben-Gurion-Universität des Negev in Beersheba hat dem Doppeldach-Erfinder Bettaque dafür den Professorentitel verliehen.

Während Rolf Bettaque die Post von Interessenten aus Spanien, Südafrika, Saudi-Arabien und Indien sammelt, denkt er darüber nach, wie sich das System zu einer perfekten Öko-Insel in der Wüste ausbauen läßt: „Man kann Nutztiere ansiedeln, ihren Dung im Gewächshaus verwerten, ihre Kohlendioxid-Produktion den Pflanzen zuführen. In Salzwasserteichen kann man Algen züchten als Futter für die Fischteiche, und die Teiche kann man als Vorwärmbecken für die Destillation nützen...“ Ulrich Schmidt