Herr. K. ist ein Mann ohne Gesicht. Ohne Alter, ohne Beruf, ohne Biographie. Man könnte ihn für ein Phantom halten, zeigte er, der Mann ohne Eigenschaften und ohne Unterleib, nicht eine höchst vitale Regung: er denkt. Herr K. ist Denker – dies ist sein einziger Beruf und seine einzige Wollust.

Herr K., der "Denkende", ist Titelheld in den knapp hundert "Geschichten vom Herrn Keuner", deren erste Bertolt Brecht 1930 publizierte, deren letzte er kurz vor seinem Tod (1956) schrieb. Daß Denken ein sinnliches Vergnügen ist, hat Brecht immer wieder behauptet, am radikalsten bei Herrn K. – für den ist es nämlich das einzige Vergnügen, bis in die Träume hinein:

"Jemand erzählte vom jungen Kenner, er habe ihn einem Mädchen, das ihm sehr gefiel, eines Morgens sagen hören: ‚Ich habe heute nacht von Ihnen geträumt. Sie waren sehr vernünftig.‘"

Man kann die Prosageschichten vom Herrn Keuner auch als Lehrstücke lesen – es sind die kürzesten und unfeierlichsten, die Brecht geschrieben hat: gleich weit weg von der finsteren Strenge der "Maßnahme" wie von den welt- und altklugen Erbauungssprüchen der großen Parabeln. Es sind Lehrstücke ohne Lehre, außer dieser einen: daß nicht nur der Starke, sondern auch der Denkende am mächtigsten allein ist. Fern aller Sozialfrömmelei, die viele von Brechts "Hauptwerken" so schwer erträglich macht, wird in diesen Neben- und Gelegenheitsarbeiten vom Herrn K. das Denken als eine auch arrogante, auch asoziale Tätigkeit beschrieben. "Der Denkende verrät. Der Denkende verspricht nichts, als daß er ein Denkender bleibt "Alles kann besser werden", sagte Herr Keuner, "außer dem Menschen

Von jenen Tugenden, die der Bürger schätzt (oder heuchelt), hält Herr K. nichts. Zwar lobt Herr K. wie Brecht die "Freundlichkeit" sehr, doch daß diese Freundlichkeit mit Nützlichkeit mehr zu tun hat als mit Herzlichkeit, sagt Keuner schroffer und deutlicher als Brecht: "Die richtige Art, Freunden einen Dienst zu erweisen", sei diejenige, "die keine besonderen Opfer verlangt." Mit beträchtlicher Eitelkeit achtet Herr K. darauf, nicht sympathisch zu sein, sondern klug, den Menschen hilfreich, nicht angenehm. Die längste Keuner-Geschichte, "Wenn Haifische Menschen wären", heißt entschlüsselt natürlich: daß die Menschen Haifische sind, Bestien mit Kultur. Der Kultivierte Bürger schätzt die Aufrichtigkeit, Herr K. glaubt erst gar nicht daran. "Ein Mitarbeiter K.s wurde beschuldigt, er nehme eine unfreundliche Haltung zu ihm ein. Ja, aber nur hinter meinem Rücken’, verteidigte ihn Herr K." Der Bürger macht Projekte, Herr K. kennt nur die "Mühsal der Besten": ",Woran arbeiten Sie?‘, wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: ,Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor." Der Bürger verehrt am Dichter das Genie, das Geheimnis, die Inspiration, Herr K. setzt mehr auf Kenntnisse – also gehört seine Gunst einem "Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt."

Der gute Mensch ist tapfer, der kluge Mensch ist klug; "vorsichtig und kühn", "listig und stark". Sehr dezidiert besteht Herr K. darauf, unzuverlässig zu sein und alles andere als heroisch: "Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt." Herr K., "der Denkende", ist also eine in jedem Sinne zweifelhafte, zwiespältige Figur; und wenn ich mir, Brecht zum Trotz, ein Bild von ihm mache, dem Denkenden ein Gesicht, einen Körper und Kleider gebe, dann sieht er einem gewitzten, überlebensschlauen Kleinbürger durchaus ähnlicher als dem Sokrates, dann wirkt er auf mich wie ein Schwejk, der Hegel gelesen hat.

Herr K. ist ein Phantom, eine Kunst-, Spiel- und Denkfigur. Doch man würde das Interesse an ihren immer graziösen Schritten und Pirouetten rasch verlieren, wäre Herr K. nicht auch Herr B., die Kunstfigur nicht auch ein Doppelgänger ihres Erbauers, unter Brechts zahllosen Selbstporträts vielleicht das aufrichtigste. Denn jene Fiktion vom "frühen" und vom "späten", vom "anarchistischen" und vom "marxistischen" Brecht, an der auch der Denker und Dichter selber beharrlich gearbeitet hat, wird in den Keuner-Geschichten mehr als zweifelhaft. Herr K., der Mann ohne Gesicht, hat mindestens zwei: den wüsten Schädel Baals und die Weisheitsmaske Brechts. So sind die Keuner-Geschichten, obwohl sie sich jede subjektive Gebärde verbieten, doch ganz und gar subjektive Prosa. Und Herr K., der nichts von sich verraten will: eine verräterische Figur.

Man kann sich vom fast schwerelosen Witz dieser moralischen Geschichten verzaubern lassen. Man kann sich über ihre Kälte, ihre Kokettheit, ihre dandyhafte Beziehung zur Pointe (nur das Ausgefallene ist gut genug) ärgern. Man kann aber auch die Keuner-Geschichte, die Brecht-Geschichte, in anderen Büchern weiterlesen. Zwei Vorschläge: Marieluise Fleißers Erzählung "Avantgarde" und Peter Handkes Tagebuch "Das Gewicht der Welt".

Die Fleißer: weil sie in ihrer grandiosen Erzählung alle Keuner-Selbstverliebtheiten schroff und endgültig korrigiert, Brecht, den Denkenden, als Liebenden beschreibt: "Es ging zuvor um die Sache. Der Mensch war so wichtig nicht, der Mensch ließ sich ersetzen. Das sagte er ihr dürr ins Gesicht, ganz bewußt stieß er sie ab. Das waren die Fröste der Freiheit, sie mußte lernen zu frieren. Der Mensch lehnt sich nicht an."

Und Handke: weil sein Tagebuch eine Art Anti-Keuner ist, nicht nur wegen ein paar abfälliger Sätze über Brecht. "Ich dachte so lange nach, bis ich mich fühlte", schreibt Handke. "Ich dachte so lange nach, bis ich nichts mehr fühlte", hätte Keuner wohl gesagt. Herrn K. ist das Denken Leben genug. Also interessiert er sich nur für die Leichtigkeit des Gedankens und nicht für das Gewicht der Welt.

Benjamin Henrichs

Bertolt Brecht: "Geschichten vom Herrn Keuner"; st 16, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1971; 108 S., 4,– DM

Bertolt Brecht: "Gesammelte Werke", 20 Bände; edition suhrkamp Werkausgabe, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1975; 180,–DM.