Von Christian Schmidt-Häuer

Die iranische Revolution frißt Allahs Helfer. Chomeini überzieht linke Liberale und jetzt die Kurden mit einem Bürgerkrieg. Er hat den „Staat Mohammeds“ von neuzeitlicher Ausbeutung in bedrückendes Mittelalter zurückgeführt. Da aber gerade dieses Land mit seinem Öl die Quellen der westlichen Wachstumsgesellschaft in besonderem Ausmaß speist, ist es zum potentiellen Zentrum eines internationalen Konfliktes geworden. Am Wochenende wurde es vom Schiitenführer zur Generalmobilmachung aufgerufen. Sie richtete sich nicht gegen ausländische Interventionspläne, sondern gegen die Kurden, die der Ajatollah wegen eines Aufstandes in 24 Stunden zermalmen wollte. Wenig später wurde Chomeini durch ein Militärkommuniqué eines besseren belehrt: Im ganzen Lande herrsche Ruhe.

Das klingt nach Wahnwitz, aber es hat Methode. Der geistliche Ratgeber der Nation, der er ausschließlich bleiben wollte, wird zum Theokraten. Sein Populismus drängt – verstärkt durch wachsenden Mißerfolg – zur Parteidiktatur mit Unfehlbarkeitsanspruch. Die sakrale Aura wird zum Vorwand für (reine) Despotie.

Die westlichen Demokratien hatten die erste Phase der islamischen Inquisition mit Schauern, aber auch mit schlechtem Gewissen verfolgt. Schließlich hatten sie durch ständig wachsende Erwartungen an Öllieferungen und durch die Anlagenkäufe des Schahs beigetragen zur westlichen Überfremdung, zur allzu oberflächlichen Modernisierung, zur Identitätskrise des iranischen Volkes. War es nicht verständlich, daß der ohnehin traumatische Fanatismus des Islam im materialistischen Lebensstil des Westens den alten Feind Allahs wiederentdecken mußte? Der Westen sah mit Entsetzen, daß die Mullahs nicht Recht, sondern Rache übten – aber immerhin hatte sich hier die große Mehrheit eines Volkes auf die Suche nach der eigenen Geschichte gemacht.

Chomeini hat nun, auf der zweiten Etappe seines Marsches in die Vergangenheit, den religiösen Mantel abgestreift. Die islamische Revolutionsjustiz, die bald die Militärgerichte des Schahs noch übertraf, reicht dem Ajatollah nun nicht mehr. Galgen hätten auf den wichtigsten Plätzen aufgestellt werden müssen, nur die Partei Gottes hätte erlaubt werden dürfen, erklärte Chomeini. In dem Maße, wie die islamische Heilslehre die soziale Wirklichkeit immer heilloser macht, Arbeitslose produziert, Fachleute verjagt – in dem Maße greift der Ajatollah auf das klassische Repertoire aller totalitären Herrscher zurück. Wie der verschärfte Dogmatismus unter einem kommunistischen Regime, so dient Chomeinis islamischer Fundamentalismus – sein Festhalten am geheiligten Text – zur Rechtfertigung des absoluten Anspruches, der Unduldsamkeit gegenüber jedem Widerspruch.

Militärs wurden und werden noch hingerichtet, weil sie unter dem Schah auf die Bevölkerung schossen. Aber schon sollen sie wieder das Gleiche tun – auf die kurdische Minderheit feuern. Wie in allen Staaten mit Minderheiten aus den Tagen expansiver Vergangenheit, so stößt dogmatischer Zentralismus auch im Iran auf den Widerstand der ethnischen Gruppen. Die Kurden beteiligten sich am Aufstand gegen den Schah. Aber sie taten das weniger für die Revolution als für ihre Autonomie. Auch der Stil des Schiitenführers, die sunnitischen Kurden nun an einem Tag als Ungläubige zu verdammen und sie am nächsten Tag als Brüder zu umarmen, hat Methode. Chomeini versucht, die Autonomiebewegung zu spalten; denn jedes Zugeständnis wäre ein Beispiel für andere Minderheiten. Und an den Quellen des persischen Reichtums, in der Erdölprovinz Chusistan, sitzt eine unzufriedene arabische Bevölkerung.

Die Minderheiten fordern Hilfe an – von Waldheim bis zu PLO-Chef Arafat. Die Großmächte halten sich zurück. Solange sich Chomeini auf den ihm ergebenen Revolutionsrat stützen kann, solange seine Volkstümlichkeit ungebrochen ist, werden Amerikaner und Sowjets keinen Zugriff wagen. Moskau kann weder seine langfristige Politik gegenüber den Arabern aufs Spiel setzen noch seine eigenen islamischen Gegengesellschaften in den Sowjetrepubliken Mittelasiens empören. Chomeinis bisher ungebrochene Autorität bei der Mehrheit der Iraner birgt allerdings die Gefahr, daß er sein Land völlig herunterwirtschaftet, bevor er selbst mit dem Koran am Ende ist.

Was aber folgt dann auf alle Illusionen? Der Iran ist von der schiitischen Variante des Islam geprägt. Sie ist populistischer, sozial engagierter als die sunnitische Strömung. Einer Sozialrevolutionären Erneuerungsbewegung mit kommunistischer Beteiligung böten sich Chancen. Moskau könnte dann unter Umständen einen großen Schritt weiterkommen. Zu gewagteren Experimenten ist die Sowjetunion gegenwärtig nicht aufgelegt. Die herannahende Wachablösung im Kreml ist keine Zeit für große Abenteuer,