Mit der in dieser Woche stattfindenden Hauptversammlung der Veba geht die diesjährige Hauptversammlungs-Saison zu Ende. Im Gegensatz zu früheren Jahren verlief sie ohne wirkliche Höhepunkte. Nur wenige Themen boten sich diesmal an, auf den Aktionärszusammenkünften kontrovers diskutiert zu werden.

An Versuchen, Hauptversammlungen großer Unternehmen als Plattform zur Verbreitung eigener (gesellschaftspolitischer) Vorstellungen zu mißbrauchen, hat es auch in diesem Jahr nicht gefehlt. Hauptakteure waren die Umweltschutzes besonders dann, wenn es um Unternehmen ging, die in irgendeiner Form mit dem Bau von Kernkraftwerken oder mit der Stromverteilung zu tun haben.

Die alten Antikernkraftkämpfer sind bereits zu guten Bekannten auf den Hauptversammlungen geworden. Man grüßt sie mit Namen und weiß, was sie vorbringen werden. Andererseits haben aber auch die Opponenten erfahren, daß die versammelten Aktionäre sie bestenfalls als willkommene Abwechslung im Routineablauf einer Hauptversammlung betrachten, ihnen aber bei den Abstimmungen die Gefolgschaft verweigern. Allzu lange dürfen aber auch die traditionellen Kernkraftopponenten die Geduld der Versammelten nicht strapazieren. Meist ertönt schon nach relativ kurzer Zeit der Ruf: „Aufhören!“ Schließlich weiß man noch von der vorjährigen Hauptversammlung, was der Redner vorzubringen hat.

Die Leiter der Hauptversammlungen, in der Regel die Aufsichtsratsvorsitzenden, reagieren auf das Auftreten von Dauerrednern unterschiedlich. Die einen lassen den Opponenten freien Lauf und rechnen mit dem zunehmenden Unwillen der übrigen Teilnehmer, andere versuchen die Redezeit von vornherein zeitlich zu begrenzen, eine rechtlich auf schwachen Füßen stehende Anordnung, die unter gewissen Voraussetzungen gerichtliche Anfechtungs- oder Auskunftsverfahren auslösen kann.

Die neue Generation der Kernkraftgegner ist mit einer Redezeitbegrenzung ohnehin nicht zu treffen. Denn sie tritt auf Hauptversammlungen in Gruppen auf. Nicht nur um sich gegenseitig Beifall spenden zu können. Wichtiger ist, daß möglichst viele Redner möglichst lange über den Umweg der Fragestellung ihre Antikernkrafthaltung bekunden können.

Das Erscheinen solcher Gruppen deutet sich bereits bei den Anmeldungen zur Hauptversammlung an. Wenn mehrere, sonst den Kreditinstituten unbekannte Leute mit jeweils einer einzigen Aktie ihr Recht zur Teilnahme legitimieren, ist mit dem Auftreten einer Oppositionsgruppe zu rechnen.

Natürlich ist Kernkraft bei vielen Gesellschaften ein wichtiges Thema, das auch auf Hauptversammlungen diskutiert werden muß. Es kommt jedoch auf das „Wie“ an. Kernkraft ja oder nein – das wird nicht auf Hauptversammlungen entschieden. Deshalb hat es wenig Sinn, immer wieder Grundsatzfragen aufzuwerfen. Durchaus gerechtfertigt ist es aber, einen Vorstand nach der Wirtschaftlichkeit der Kernenergie zu fragen, allerdings mit der Folge, daß die Verwaltung ihr Fachwissen ausspielen kann und mit Daten aufwartet, die Außenstehende auf ihre Richtigkeit nicht prüfen können. Kein Wunder, wenn Kernenergiegegner sich nicht auf diesen Weg drängen lassen wollen, zumal für sie solche Diskussionen ohnehin überflüssig sind. Denn warum sollen sie über die Wirtschaftlichkeit einer Sache reden, die sie überhaupt ablehnen?