Der zweitvolkreichste Staat dieser Erde ist abermals führerlos. Nach nur dreiwöchiger Amtszeit trat Indiens Ministerpräsident Charan Singh am Montag zurück.

Immer schneller dreht sich in Neu-Delhi das Regierungskarussell. Indien taumelt dem Chaos entgegen. Ohne Rücksicht auf Verluste tobt der Machtkampf der Greise, kräftig geschürt von der Expremierministerin Indira Gandhi.

Als erster fiel Premier Morarji Desai, 83 Jahre alt und Regierungschef über 27 chaotisch-anarchische Monate. Charan Singh, der Nachfolger, 77 Jahre alt, regierte nur 24 Tage. Jetzt möchte der 71jährige Jagjivan Ram an die Macht, der gewiefteste Taktiker im Triumvirat, das im Frühjahr 1977 für sie selber völlig unerwartet Indira Gandhi bei den Wahlen vernichtend geschlagen hatte.

Das besondere an der Situation ist, daß ohne Indira Gandhi nichts mehr geht in Indien. Ausgerechnet jene Frau, die sämtliche demokratischen Spielregeln über Bord geworfen hatte, um sich und ihrem Clan, vor allem aber ihrem Sohn Sanjay, die Macht zu erhalten, ist nun zur Königsmacherin geworden.

Als Ende Juli die Janata-Regierungskoalition auseinanderfiel, weil die Rivalen Morarji Desais nun endlich selber einmal ans Ruder wollten, da trat Indira Gandhi zum erstenmal in dieser Funktion auf. Charan Singh, dem es offensichtlich mehr darauf ankam, den eigenen Ehrgeiz zu befriedigen, als sich an alten Prinzipien zu orientieren, nahm freudig die Dienste der Nehru-Tochter an. Vergessen schien die Zeit, in der er sie als "Teufel" und "Tyrannin" bezeichnete und sich sogar zu solchen Beschimpfungen verleiten ließ, daß er anschließend immer wieder hartnäckig darauf zurückkam: "Aber schreiben dürfen Sie das nicht."

Offensichtlich aber klappte es dann doch nicht mit dem "Geschäft". Indira Gandhi, gegen die mehrere Gerichtsverfahren wegen Amtsanmaßung und Korruption laufen, der ein Verfahren wegen ihrer Notstandsregierung droht, hatte sich für die Unterstützung Charan Singhs Straffreiheit ausbedungen. Doch die Gegenleistung blieb aus. Vermutlich hatte der Bauernführer Singh nicht damit gerechnet, daß dies das Ende seiner kurzen Premierminister-Karriere bedeuten würde. Doch vor der entscheidenden Vertrauensabstimmung am Montag entzog Frau Gandhi ihm die Unterstützung.

Zwar verfügt sie über ihre Indira-Kongress-Fraktion nur über 74 von 535 Stimmen. Aber seitdem es im indischen Parlament Brauch geworden zu sein scheint, sich Abgeordnete zu kaufen – über Summen von 50 000 Mark wird dabei gesprochen –, seitdem Überläufer und Abtrünnige kaum noch ein klares Bild von Parteien und Fraktionen erkennen lassen, sind die 74 Indira-Abgeordneten zum Zünglein an der Waage geworden. Im Grunde sind sie es, die entscheiden, wer in Indien regiert und wer nicht.