Der Pastor von Petersdorf auf Fehmarn hat, wie ein kirchlicher Nachrichtendienst mitteilt, beim Altar einen Vogelbauer aufgestellt, aus dem Gezwitscher dringt. Der Pastor heißt Stökl, die Vögel heißen Finken, und wenn sie in Stimmung kommen, stimmen sie Gesang an. Der Pfarrer glaubt, daß Finkenschlag den Gottesdienst bereichere. Denn er sei als das „Lob der Schöpfung“ zu verstehen.

Es ist eine protestantische Gemeinde, doch gab mir das Verhalten des geistlichen Herrn unwillkürlich Gedanken an den katholischen Heiligen Franziskus von Assisi ein. Auch er nahm ja die Vögel ernst, hielt sie für seine Brüder und Schwestern und lauschte ihrem Gesang. Er predigte ihnen auch, wie Franz Liszt, der nicht nur katholisch war, sondern auch gewisse Priesterweihen empfangen hatte, dies in einem virtuosen Klavierstück dargestellt hat.

Das heißt: Was der Heilige Franz den Vögeln zu sagen hat, ist nicht kompliziert und geht gleichsam, rezitatorisch vor sich. Ihm antworten die Vögel nach jeder Phrase sogleich mit vielstimmigem Geschwirre, Geklirre, Gefunkel, Gesinge, zwar leise, aber raffiniert. Es ist gut, wenn dabei auf den Zügen des Pianisten sowohl fromme, als auch heitere Verzückung liegt. Ist dies der Fall, so sieht man bald im Geiste die Vögel springen von Ast zu Ast wie die Finger des Künstlers von Tast‘ zu Tast’.

Die frommen Vögel im nördlichen Fehmarn scheinen sich nicht anders als die im italienischen Assisi zu verhalten: Predigt der Gottesmann, so sind sie still; schweigt er, so werfen sie ihre gottgefälligen Zwitscherbemerkungen ein. In vollem Gesang preisen sie den Schöpfer nur, wenn dieGemeinde einen Choral anstimmt. Der Gemeindegesang – ebenso wie die Musik eines in der gleichen Meldung erwähnten Posaunenchores – wird durch das Beispiel der sangeslustigen Vögel nur noch mehr angeregt. Ob Vogel- oder Menschenkehlen, ob Posaunen, alles vereint sich zu der Schöpfung Lob.

Hier ist nun der Augenblick, eines Heiligen zu gedenken, den Goethe um seines Mutes und seines Humors willen bewundert und in seiner „Italienischen Reise“ erwähnt hat. Es ist Philippe Neri aus dem 16. Jahrhundert, ein Florentiner, der vor, allem auch in Rom wirkte und hier einen Orden gründete: das „Oratorio“. Und dieser Heilige predigte manchmal wunderbar, aber gelegentlich kamen ihm nur schwer die Worte von den Lippen; dann brauchte er Anregung, dann ließ er einen seiner Mönche auf dem Predigtstuhl beginnen, ging selber nachdenklich drunten auf und ab. Gefiel ihm, was der Prediger sagte, oder gefiel es ihm nicht, so machte er Zwischenrufe, je nach seinen Einfällen: treffende Bemerkungen. Dabei kam er dann wohl in Fahrt, schwang sich selber auf den Predigtstuhl, schob den anderen sanft beiseite und legte los. Es scheint,, daß der Pfarrherr auf Fehmarn, der die Vögel im Gottesdienst mitwirken läßt, eine ähnliche Praxis anwendet. Ist es so, so tut er gut daran, ein naturfrohes Nordlicht, wie er eines ist.

In einem Dorf am Rande der Forêts d’Orléans in Frankreich darf am Hubertustag immer ein Hund in die Kirche kommen und die Messe hören, stellvertetend für die Meute, die mit den Jagdpferden draußen vorm Portal steht. Er hat sich noch nie schlecht benommen.

Nach alledem wundert es nicht mehr, wenn die Geschichte lehrt, daß Philippo Neri seine Katze immer mit in die Messe nahm. Der Papst, mit dem Sankt Philippo nicht sonderlich gut stand, verbot es. So nahm Philippo Neri dann einfach seinen Hund mit. Der stand an den Stufen des Altars. Kniete Neri, ließ sich auch der Hund nieder. Faltete der Heilige die Hände, so sein Hund die Pfoten.

Es hatte alles seine Richtigkeit: in Rom wie heute auf Fehmarn.