„Desideria“, Roman von Alberto Moravia. Wenn die Gesellschaft nur noch aus „manichini“, aus Gliederpuppen besteht, an denen richtig nur noch das eine funktioniert, wenn jenes hintere Teil, auf dem man auch sitzen kann, zum Gesicht wird, weil Kommunikation sich im Geschlechtsverkehr “a tergo erschöpft, zu dessen motorischem Vollzug Mister Activ erst mal gekauft werden muß – ja, dann sollten die sozialen Verhältnisse wirklich grundlegend verändert werden, sagt sich das ehemals an eine reiche laszive Römerin verschacherte Proletariermädchen Desideria, das auf den ersten Seiten dieses Dialog-Romans besser Onanina hieße. Allerdings kehrt sie die be-stehenden Verhältnisse zunächst nur um, indem sie, beileibe nicht dem Trieb, sondern einer „Stimme“ gehorchend, sich selbst für viel, viel Geld lustlos hinlegt, um sich von ihrer Adoptivmutter loskaufen zu können, die als ein Bombenexemplar des Foucaultschen „Sexus statt Seele“ unter mütterlicher Zuwendung eben auch nur „Liebe machen“ versteht. Damit aber das Anstößige nicht vollends zum Durchbruch kommt, darf diese Jeanne d’Arc in Blue jeans das Opfer ihrer Virginität nur auf dem reinen Tisch einer besseren Sache, also der Revolution bringen. Doch die Defloration durch den Capo einer ominösen Zelle führt nur ans Ende der Sackgasse, denn auch dieser stramme Mann des Volkes (mit dem Moralkodex eines Spießers!) entpuppt sich als sexueller Imperialist, für den Revolution zudem nur den Reizwert eines Slogans besitzt. Gegen soviel degenerierte Revolte kann Desideria nur explosiv revoltieren und sich freischießen... Moravia, der hier ziemlich scharf sieht, Voyeurismus vorzuwerfen, hieße sein Metier mißverstehen. Die Parallele zwischen Abartigkeit im Bett und der Perversion des sozialen und politischen Bewußtseins mag mit einem Eisenlineal gezogen sein – ziemlich gerade verläuft sie schon. (Aus dem Italienischen von Gloria Widhalm und Antonio Avella; List Verlag, München, 1979; 400 S., 29,80 DM.) Ute Stempel