Von Günter Haaf

Kräht der Gockel auf dem Mist, ändert sich’s Wetter – oder es bleibt, wie’s ist.

Das Stück steht alle Jahre wieder auf dem Spielplan des internationalen Sommertheaters. Mal tragisch, mal komisch, zeitweise heiter und häufig bewölkt jagen sich die beiden Hauptdarsteller und unzählige Chargen über eine Bühne, die von Labrador bis zum Ural reicht. Ohne jedes Drehbuch für Details und nur am lockeren Zügel einer fernen, strahlenden Gottheit rangeln ein Held namens Azorenhoch und der Bösewicht Islandtief um Einfluß.

Am heftigsten geraten die beiden Kontrahenten – Hochdruckkeile schiebend, Tiefdruckrinnen schwingend – in West- und Mitteleuropa aneinander. Das nach Millionen zählende Publikum, meist durch Dauerabonnements gebunden, weiß den turbulenten Szenenwechsel freilich wenig zu schätzen. Einseitig gilt seine Sympathie dem freundlichen Hoch von den Azoren, und sein Murren wird um so lauter, je öfter das Tief aus Island mit seinen wolkenverhangenen Ausläufern den herbeigesehnten Helden aus dem Süden verdrängt, wobei anschließend den Zuschauern das Wasser meist nicht nur in den Augen steht. Das war letztes Jahr so und diese Saison schon wieder. Kein Wunder, daß die ersten Buhrufe von den Rängen schallen.

Der Mißmut wuchs letzte Woche zur offenen Empörung. Hatte doch einer der finstersten Gesellen des Islandtiefs, ein Gebilde namens Trog, völlig deplaziert furiose Szenen aus dem Herbstprogramm in die eher beschauliche sommerliche Vorstellung getragen und dabei 19 Komparsen ertränkt, die mit ihren Segelbooten zwischen die Fronten geraten waren.

Der Sommer 1979 – ein einziger rainfall? Eine Saison, die beim traditionellen „Fastnet“-Rennen, dem Höhepunkt der inoffiziellen Hochseesegelweltmeisterschaften um den „Admiral’s Cup“, vor der englischen und irischen Küste eine „Katastrophe ohnegleichen“ auslöste, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung ganz ungewohnt schrill auf der ersten Seite bemerkte? Oder gar ein Beweis für eine klimatische Tendenzwende, wie sie mehr oder minder gelehrte Spekulanten nach jedem Tiefausläufer vermuten?

Vielleicht erleben wir derzeit in der Tat so etwas wie eine Tendenzwende – freilich nicht klimatischer, sondern eher psychologischer Art: das wachsende Unvermögen, gutes wie schlechtes Wetter widerspruchslos als ohnehin unveränderbare Tatsache hinzunehmen. Mit chronisch schlechtem Gedächtnis für frühere kühle Sommer erwarten offensichtlich immer mehr Urlauber Jahr für Jahr extrem sonniges Wetter à la 1976 etwa an der deutschen Nord- und Ostseeküste, obwohl doch jedem Klippschüler klar sein müßte, daß zwischen Sylt und Ibiza, Travemünde und Torremolinos (Klima-)Welten liegen.