In einer Pressekonferenz gab König Hassan II. von Marokko die Einverleibung der gesamten ehemaligen spanischen Westsahara in sein Land bekannt. Die Polisario wird weiterkämpfen, ein Krieg mit Algerien ist nicht mehr unmöglich.

Fès, im August

Marokko hat nichts anderes als seine territoriale Integrität hergestellt. Die Wiedervereinigung des ehemals von den Spaniern okkupierten Südens mit dem Mutterland ist damit abgeschlossen. Sie werden mich an der Spitze meines Volkes finden, wenn man uns zwingt, unser Vaterland mit den Waffen zu verteidigen“, so König Hassan II. am vergangenen Sonntag während einer Pressekonferenz. Im altehrwürdigen Königspalast zu Fès, seine Regierungsmannschaft und Mi-Zitate im Gefolge, versuchte Hassan, den Augen, der Weltöffentlichkeit. nunmehr vollständige Annexion der ehemaligen Kolonie Spanisch-Sahara als ein rechtmäßiges Ende des 1956 eingeleiteten Unabhängigkeitsprozesses vorzustellen.

Um das 270 000 Quadratkilometer große Wüstenland mit der Welt größtem Phosphatvorkommen streiten sich seit dem Rückzug der Spanier im Winter 1975/76 Marokko und Mauretanien auf der einen Seite und auf der anderen die Polisario-Befreiungsfront, die von Algerien und Libyen massiv unterstützt wird. Als Franco 1975 im Sterben lag, nutzten die Marokkaner die Gunst der Stunde und begannen die „Einverleibung ins Mutterland“ mit dem Einmarsch von 350 000 Zivilisten, womit sie die Welt von der Friedfertigkeit ihrer Absichten überzeugen wollten. Den rohstoffarmen Süden der ehemaligen Kolonie traten sie an Mauretanien ab. Ein Großteil der Wüstenbewohner flüchtete jedoch und wurde in kargen Felslagern des südwestlichen Algerien zum Nährboden der Polisario-Front, die für einen selbständigen Staat West-Sahara kämpft.

Der OAU-Gipfel dieses Jahres in Monrovia – von Hassan als Kloake bezeichnet, die er gern verlassen hat – bestätigte das Selbstbestimmungsrecht der Saharanis und verurteilte die Annexionspolitik Marokkos. Anfang August erklärte das durch den Krieg ruinierte Mauretanien in einem Friedensvertrag mit der Polisario seinen endgültigen Rückzug und verzichtete auf alle Gebietsansprüche.

Noch ehe ein Machtvakuum entstehen konnte, waren marokkanische Truppen zur Stelle und annektieren die von den Mauretaniern aufgegebene Region als siebenunddreißigste Provinz. Bereits am 14. August huldigten 300 Stammesoberhäupter dem marokkanischen König in Rabat, was denn auch gleich zum „Akt der Selbstbestimmung“ erklärt wurde. Strategische Zwänge vor allem ließen den Marokkanern gar keine andere Wahl als die Annexion. Ein Polisario-Teilstaat in der südlichen West-Sahara hätte den Guerrilleros neben der de facto-Selbstbestimmung auch eine hervorragende Ausgangsbasis für ihre Vorstöße in den marokkanischen Teil der West-Sahara eingeräumt, auf den die Polisario in keinem Fall verzichten wollte.

Für Hassan war die Besetzung ein Manöver ohne Risiko. In der Sahara-Frage weiß er zu Recht alle politischen Kräfte seines Landes hinter sich. Von der Welle eines neu entfachten Nationalgefühls, der „Marocanite“ getragen, machte er den 14. August zum Nationalfeiertag und erklärte: „Die Wiedergewinnung der Sahara ist nicht meine Angelegenheit, sondern die Marokkos und aller Marockaner.“