Familienpolitik – daraus wird allmählich der innenpolitische Zankapfel. Die Entstehungsgeschichte des „Dritten Familienberichts“ aus der Feder einer unabhängigen Sachverständigenkommission, den die Bundesregierung jetzt gemeinsam mit ihrer Stellungnahme dazu veröffentlicht hat, bestätigt das einmal mehr. So barsch werden nämlich zentrale Aspekte der Familienpolitik verurteilt, daß dem Kabinett gar nichts übrigblieb, als in seiner Erwiderung weit auf Distanz zu gehen von diesem Bericht über „Die Lage der Familien in der Bundesrepublik Deutschland“.

Soviel Pech konnte der Familienminister Bruno Heck nicht haben, der 1968 den ersten Bericht dieser Art vorlegte; er war damit einem Auftrag des Parlaments an die Regierung gefolgt, regelmäßig über die Familienlage der Nation zu berichten. Nur: Zu Zeiten der Großen Koalition lag die Federführung für die Untersuchung wohlweislich beim Minister. Die Sozialwissenschaftler lieferten nur Material. Die Berichtbilanz: ziemlich viel Zufriedenheit mit der Familienpolitik. Weil dem Parlament das nun nicht recht behagte, sollte die Regierung fortan aber eine unabhängige Kommission mit dieser Arbeit betrauen.

Damit war der Konflikt einprogrammiert. Der zweite Familienbericht, in der Reformära begonnen und 1975 von Katharina Focke vorgelegt, hat so viel Wirbel gemacht, daß die Folgen bis heute zu spüren sind. Die Kommission hatte ihre Rolle kritisch verstanden, analysierte soziale Benachteiligungen von Kindern und formulierte Ziele, die nach dem Geschmack der Regierung denn doch über das Annehmbare hinausschössen. Der Kanzler ging auf Distanz zu Frau Focke, die Regierung auf Distanz zum Bericht.

Der dritte Familienbericht – eine neue, in der Tendenz konservative Kommission war am Werk – entdeckt jetzt so etwas wie eine Familienfeindlichkeit in der Koalitionspolitik, trauert ein bißchen der guten alten Institution Familie nach und gibt dem eine hochpolitische Wende: Er mahnt bei der Regierung eine „aktive“ Bevölkerungspolitik an, in Sorge um den „Bestand“ der Bevölkerung, um die Renten und das Wachstum. Das Fazit im Bericht der Bundesregierung über die Politik der Bundesregierung: ignorant und passiv. Nun ja, die Kommission ist ja unabhängig.

Wichtiger als die Pikanterie dieser Konstellation bleibt die Sache. Einerseits für Erziehungsgeld, damit Mütter sich ganz den Kindern widmen, andererseits aber auch für Teilzeitarbeit, um Frauen im Konflikt zwischen Beruf und Familie zu entlasten; viel ist vernünftig, noch mehr unbezahlbar. Aber das Weltbild mutet reichlich obsolet an. Die Frauen sollen, grob gesagt, Berufstätigkeit nicht länger als Emanzipation mißverstehen, müssen ihren Auftrag zur „Reproduktion“ des Bevölkerungsbestands ernster nehmen, die „Familienhausfrau“ erscheint fast schon wieder als Wert an sich. Und schließlich: Schlechten Zeiten am Arbeitsmarkt müssen sie sich halt „anpassen“ und auf den Beruf verzichten.

Das alles hat einen fatalen Beigeschmack. So soll der Staat für einen „materiellen Lohnausgleich“ für Mütter sorgen, die zugunsten von Kindern auf Erwerbstätigkeit verzichten. Wenn der „Fortschritt“ oder „sogar der Bestand des Gemeinwesens“ gefährdet wird, weil der Nachwuchs ausbleibt, wäre der Staat legitimiert, „einer solchen Entwicklung entgegenzuwirken“. Mit mehr Staat für mehr Kinder sorgen, andererseits den Staat wegen „einseitiger Beeinflussung“ von den Kindern noch weiter fernhalten – eine seltsame Sprache wird da benutzt, das Denken verrät Illiberalität und hat obrigkeitsstaatliche Züge.

Ist der Bericht familienfreundlich? Bei den Autoren selber schimmert ein Familien- und Gesellschaftsbild durch, das sich letztlich daran orientiert, was ökonomisch wünschenswert sei. Kinderfreundlich? Das bemißt sich bei ihnen an Kinderzuwachsraten. Sie klagen darüber, am Verhalten der jungen Familien werde sichtbar, daß die Gesellschaft immer stärker in materiellen Maßstäben denke. Aber sind sie nicht selbst Opfer des Denkens, das sie beklagen?

Gunter Hof mann