ZDF, Sonntag, 19. August: „Treu und Redlichkeit – Geschichten aus der guten alten Zeit“, von Herbert Asmodi und Tom Toelle

Drei Geschichten aus der Zeit zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg – Geschichten, wie sie, hoch da droben, Frank Wedekind, etliche Etagen tiefer die Marlitt in der Gartenlaube und, tief drunten, die Jahrmarkt-Moritaten erzählten. Liebe und Eifersucht, Intrige und Standesehre, hehre Verlogenheit und zynische Doppelmoral: da spielt der Tenor so gut seinen Part in der Literatur wie der gehörnte Ehemann, der arrogante Leutnant, das arme Mädel, der routinierte Duellant, oder das Familienoberhaupt aus uraltem Hause, märkischer Adel und dabei korrupt.

Ein Triumph des déjà-vu, veranschaulicht in viel Wiener Poesie, salopp und melancholisch, dazu Kitsch aus alten Dienstboten-Blättern: ein amüsantes Potpourri kam da zusammen. Vertraute Motive wurden in Anführungszeichen gesetzt: da schaut her, kennt ihr das Thema?

Ein Triumph des déjà-vu, veranschaulicht in einer Polonaise lieber alter Gestalten, lieber alter Begebenheiten und lieber alter Redensweisen aus der Literatur nach 1900. Was in plumper Nachahmung Schnitzlerscher Muster so peinlich gewirkt hätte wie in der Karikierung à la Zitzewitz und Graf Bobby, das wurde dank eines artistischen Balance-Aktes von Autor Asmodi und Regisseur Toelle zu einem Meisterstück der Zitierkunst. Mit Ausnahme der dritten, literarisch schwächsten Geschichte, der auf eine Pointe hin getrimmten Erzählung vom betrogenen Betrüger spielten die Potpourri-Szenen an jener Grenze, wo der Realismus in die Demonstration übergeht, Alles, was gezeigt wurde, an Themen und Figuren, war gerade noch möglich, konnte gerade noch für Wirklichkeit durchgehen – eine winzige Drehung mehr, und das etwas zu überhöhte Sprechen, etwas zu eindrucksvolle Mundabtupfen mit der Serviette, etwas zu entsagungsträchtige Gehabe wäre Klamotte geworden,

Doch zu dieser Überdrehung eben kam es in keinem Augenblick. Der Zuschauer konnte beruhigt sein. Hier waren zwei Männer am Werk, Asmodi und Toelle, die bis ins kleinste Detail hinein stilsicher waren – und darum ließen sie die Geschichten, die in der Schwebe-Haltung von Erzählung und Zitat zur Darbietung kamen, in der Form einer scheinbar unbekümmerten, in Wahrheit kritischen Nacherzählung... Darum ließen sie die Geschichten offen und veranlaßten so den Betrachter am Bildschirm, die Balladen vom Grafen und der Postoffizialswitwe oder vom Tenor und seinem Opfer, dem gehörnten Herrn Etablissements-Besitzer, gegen den Strich zu verstehen.

Ja, das war schon ein Kabinett-Stück, wie da die Muster aufgerauht, die literarischen Typenszenen mitsamt ihrer festen Bedeutung zweideutig wurden, schillernd und ambivalent, wie Schein sich als Sein und Sein sich als Schein erwies, in Nacherzählungen, die wieder einmal verdeutlichten, wie weit einer kommen kann, der die richtige Perspektive gewählt hat und diese seine Sichtweise – in diesem Fall: die winzige Oberzeichnung des vorgegebenen Modells im Sprachlichen und Gestischen – konsequent durchzuhalten versteht.

Man muß sein Handwerk schon so perfekt wie Asmodi und Toelle beherrschen, um bei solchem Balance-Akt nicht zu stürzen. Momos