Von Claudio Magris

Jorge Luis Borges, der argentinische Schriftsteller, der am 24. August in Buenos Aires achtzig Jahre alt wird, ist im Grund immer ein Verfasser von Anthologien. Seine bedeutenden Bücher sind stets eine hauchdünne Konzentration wesentlicher Momente und während ter Offenbarungen, eine Sequenz von Gipfeln perfekter Reinheit, während die Dimension der Mittelwerte fehlt, die notwendige Normalität des Alltags.

Borges ist der Dichter der Sehnsucht nach dem Leben, nach dessen Einfachheit und unergründlicher Wahrheit. In einem Gedicht über das Meer richtet sich sein Blick stets mit dem Staunen des ersten Males auf die elementaren Dinge, das Licht des Nachmittags, den Mond, das Feuer eines Scheiterhaufens. Borges gehört zu den sehr wenigen zeitgenössischen Schriftstellern, die eine so elementare Dichtung wiederzufinden imstande sind, daß diese wie die Wirklichkeit selber erscheint: die Frische des Schattens und des Wassers, an der sich Averroes ergötzt, das langsame und schwere Niederkommen des Regens, der bevorstehende Schlaf. Die Fiktion, die Fälschung und das Apokryphe, die sein Werk kennzeichnen, sind die wahre Parabel eines menschlichen Schicksals, das nur noch Kunst und Illusion ist.

Als Interpret der Leere und der modernen „absence“ ist Borges auch deren Opfer: Wie die immense Karte des Imperiums, über die er eine Parabel erzählt, so ist auch sein Werk nichts anderes als eine Karte, welche die Erde kopiert. Die Leidenschaft Borges’ weiß dies, und er leidet darunter, „papieren“ zu sein. Deshalb sucht er durch Übersteigerung die blutarme Konstitution zu überwältigen. Eine geistige Trockenheit scheint in Borges die Säfte des Begehrens und des Eros ausgetrocknet und unfruchtbar gemacht zu haben, wodurch sein Werk eine aseptische Geschlechtsfremdheit erhält.

Das minuziöse Archiv, das Borges über das geliebte Objekt anlegt, der Traktat, den Borges über sein Begehren und über die Figuren seines Verlangens schreibt, beanspruchen Geist und Gefühl so stark, daß sie die erotische Spannung erschöpfen und für die physische Befriedigung kaum noch Interesse zurücklassen. Der Liebende ist ganz und gar darauf bedacht, in Herz und Geist die gewaltigen, vom Tode ausgelöschten Züge von Beatriz zu katalogisieren und sich „an schwermutvollen und von vereiteltem Liebesdrang bewegten Jahrestagen“ der verstorbenen Geliebten zu ihren Eltern zu begeben, um ihnen mit der strategischen Schläue des Verliebten eine Einladung zum Abendessen und stets intimere Vertrautheiten zu entlocken. Borges ist der Dichter der Liebe, die ein Selbstgespräch geblieben und ein sprödes Stichwort in der Enzyklopädie des Herzens geworden ist. Er ist der Dichter der verdrängten Liebe.