Von Manès Sperber

Müßte ich einen Zeitgenossen bezeichnen, der in meinen Augen seit unserer ersten Begegnung, seit mehr als vierzig Jahren, ein wahrhaft vorbildlicher Intellektueller gewesen und geblieben ist, so würde ich den Philosophen und Soziologen Raymond Aron nennen. Was ihm als Wesen, als Zustand oder als Geschehnis, kurz als Wirklichkeit begegnet, setzt er spontan, gleichsam reflexartig in Begriffe und Ideen um, so daß alles faßbar und damit spruchreif wird. Ihm ist das besondere Glück des Begabten beschieden: zu können, was er will, und zu wollen, wozu ihn eine Leidenschaft drängt – die Leidenschaft des Denkens.

Raymond Aron ist als Denker ein Nachfahre Montaignes, Montesquieus und Tocquevilles, nicht aber Pascals oder Rousseaus und Michelets; als Lehrer ist er ein Nachfolger Duerkheims und Max Webers.

Obschon er das deutsche Gedankengut seit langem kennt, ist er völlig frei von der tedesken Neigung, „mit Worten ein System zu errichten“. Er geht von Fragen aus, um Einsichten, nicht herrische Gewißheiten zu gewinnen. Eine präzise, unbeirrbar angewandte Denkmethode bewahrt ihn vor der Denkhast und den falschen Abkürzungen der Orthodoxen jeder Art ebenso wie vor der Ungeduld und der Unduldsamkeit der Systematiker, denen die fragilsten Erkenntnisse unter der Hand zu Dogmen gefrieren. Dies, jedoch nicht dies allein erklärt, warum er schon in seiner frühen Jugend gegen alle Diktaturen, gegen ihre Systeme und ihre intellektuellen Komplizen entschieden Stellung genommen hat.

Die westliche Intelligentsija, insbesondere jene, die mit großer Verspätung, erst nach der Niederlage des Faschismus unerbittlich antifaschistisch wurde und sodann für jede Diktatur eintrat, die sich auf Marx, Stalin, Mao oder Castro berief, erwählte Raymond Aron zu ihrem bevorzugten Feind. Das hat sich allerdings in den letzten Jahren allmählich geändert. Die Marxisten-Leninisten und Maoisten von gestern haben sich in intransigente Antimarxisten und Antimaoisten verwandelt, doch erwähnen sie nie und nirgends, daß lange vor ihnen andere, in erster Reihe Raymond /Aron, die Wahrheit über die Zustände in ihren Utopias erkannt und sachlich bloßgestellt haben. Auf der wilden Flucht vor ihren ideologischen Abenteuern genießen sie hemmungslos den Komfort des wohlgezielten Vergessens. So erfährt man von ihnen niemals, was sie als eifrigwiderwillige Leser und unversöhnliche Kritiker der etwa dreißig Bücher und der sehr zahlreichen Essays und Artikel gelernt haben, die Raymond Aron in den letzten drei Jahrzehnten veröffentlicht hat.

Die Luzidität, die seine Schriften so gut wie seine Vorlesungen (an der Sorbonne und am College de France) auszeichnet, charakterisiert bereits seine allerersten Arbeiten. Gleichviel ob er fundamentale Tatsachen zu erforschen oder Sachverhalte zu analysieren sucht, ob er Ereignisse oder Probleme erörtert oder Strategie und Taktik der antagonistischen Mächte erhellt, die sich seit Kriegsende die Herrschaft über diesen Planeten und die Geister seiner Bewohner streitig machen – stets bewahrt er die Sauberkeit des Denkens und die Transparenz des Ausdrucks, die den Leser mitten im betäubenden Lärm der Sloganrufer und der Klischee-Papageien den Wert, ja den Zauber des freien Denkens und der ihm adäquaten Sprache entdecken lassen. Ohne den Kampf zu suchen, befindet er sich immer mitten in den Auseinandersetzungen dieses gar zu dramatischen Jahrhunderts. Weit mehr als die Hälfte seiner Bücher sind politisch, auch wenn sie sich bei näherem Zusehen als geschichtsphilosophische Traktate erweisen über die taktisch oft erneuten, doch im Grunde wenig veränderten Zwiste unserer Zeit.

In seinem Essay „Über die Grenzen der historischen Objektivität“, den er im Jahre 1936 unter dem Titel „Introduction à la Philosophie de l’Histoire“ veröffentlichte, trat bereits seine fundamental interrogative Haltung deutlich zutage. Diese entspricht der wiederholten, eindringlichen Erfahrung, daß die unersättliche Begier, zu wissen und vollkommen zu verstehen, durch die Gewißheit der unausweichlichen Ungewißheit stets frustriert bleiben muß. In der Einleitung heißt es da: „Objektivität bedeutet nicht Unparteilichkeit, sondern Universalität“, und auf der letzten Seite liest man: „Die menschliche Existenz wirkt innerhalb einer inkohärenten Welt; sie engagiert sich trotz der Dauer, sucht eine Wahrheit, die stets auf der Flucht ist; all dies ohne andere Gewißheit als jene, welche eine fragmentarische Wissenschaft und eine formale Reflexion gewähren.“ In der allerletzten Fußnote erklärt er: „Wir können nicht über diese Interrogation hinausgehen ohne eine vorherige Ausdeutung der gegenwärtigen Lage des Menschen und der Philosophie.“