Während überall in der Welt die Aktienkurse steigen, herrscht gegenüber der deutschen Börse tiefes Mißtrauen

An der Wallstreet ist unvermutet eine Aktien-Hausse ausgebrochen. Unerwartet deshalb, weil die wirtschaftlichen Fakten eigentlich einen Kursabschwung erwarten ließen. Zur Eindämmung der zweistelligen Inflationsrate wurden gerade jetzt die Zinsen noch einmal heraufgesetzt. Rezessionserscheinungen im Bereich des Wohnungsbaus, im Autoabsatz sowie im Konsumbereich sind nicht mehr zu übersehen.

Steigende Aktienkurse gibt es aber auch anderswo. So in Kanada, wo der Index in diesem Jahr um mehr als 20 Prozent gestiegen ist, eine Reaktion auf die weltweite Rohstoff- und Energiehausse. In Tokio nähern sich die Aktienkurse ihrem absoluten Nachkriegshöchststand. An der Spitze der Weltbörsen marschiert merkwürdigerweise Italien, wo sich die Kurse seit Jahresbeginn um rund ein Viertel ihres Wertes erhöht haben.

Nur in der Bundesrepublik waren die Aktienkurse in diesem Jahr bisher rückläufig. Es ist schwer, für diese Ausnahmestellung eine plausible Begründung zu finden. An der Öl preis Verteuerung allein kann es nicht liegen. Denn sie trifft alle westlichen Industriestaaten. Die aktuelle konjunkturelle Entwicklung ist sicherlich auch nicht schuld an dem unbefriedigenden Kursverlauf. Zwar dürften die projektierten Wachstumsraten von dreieinhalb bis vier Prozent in diesem Jahr nicht mehr erreichbar sein; dennoch läuft es in der deutschen Wirtschaft insgesamt noch besser als in den meisten Nachbarländern.

Die einzige deutsche Besonderheit: Wir sind uns früher der im Aufschwung schlummernden inflationären Gefahren bewußt geworden als andere Länder. Um nicht – wie schon einmal – eine Vollbremsung vornehmen zu müssen, hat die Bundesbank diesmal über die Eindämmung des Geldmengenwachstums die Zügel schon dann in die Hand genommen, als von einer echten Geldentwertung erst wenig zu spüren war.

Die deutschen Kapitalmarktexperten – durch bittere Erfahrungen klug geworden – deuteten das Anziehen der Liquiditätsbremse als „Wende“. Die von ihnen beratenen Aktienfonds begannen mit dem Abbau ihrer Bestände. Etliche Banken rieten ihrer privaten Kundschaft zur Nachahmung. Plötzlich fehlten auf den deutschen Aktienmärkten die Käufer, zumal auch die Ausländer von der „defaitistischen“ Haltung deutscher Bankiers beeinflußt wurden.

Vergrößert hat sich andererseits die Nachfrage nach festverzinslichen Anlagen, nicht nur nach Anleihen und Pfandbriefen, sondern auch nach Sparbriefen aller Art. Das ist zweifellos, ein Kompliment für die Bundesbank, weil darin das Vertrauen in den Erfolg ihrer Stabilitätspolitik zum Ausdruck kommt. Es gibt keine Flucht in die Sachwerte, sieht man einmal von gewissen Vorratskäufen in Erwartung steigender Preise ab.