Rechtssoziologie

Von Hanno Kühnert

Ausgerechnet in der Deutschen Richterzeitung liefern die beiden Rechtssoziologen Erhard Blankenburg (Berlin) und Hellmuth Morasch (Bonn) eine Fülle von Argumenten, die Zahl der Richter und Staatsanwälte in unserem Lande wieder zurückzuschrauben. Auf bald sieben eng bedruckten Seiten breiten die Forscher Zahlen, Vergleiche und Schlüsse aus, deren Brisanz der langweilige Titel „Zur neueren Entwicklung der Justiz“ mit blauen Augen verbirgt (Deutsche Richterzeitung, Juli-Heft, Seiten 197 folgende).

Sind deutsche Richter faul? Sind sie fauler als die Richter in anderen Industrieländern? Ohne das so plump zu sagen, suggeriert Erhard Blankenburg dem Leser derartige Werturteile doch über weite Strecken seiner Arbeit. Obwohl die Prozeßhäufigkeit mit 31 Zivilprozessen pro 1000 Personen in der Bundesrepublik nur mittelmäßig sei, habe unser Land im Vergleich mit anderen besonders viele Richter aufzuweisen, nämlich 213 auf eine Million Einwohner.

Diese Richter erledigten aber jährlich nur 206 Fälle pro Richter! Englische und kalifornische Richter bearbeiteten mehr als fünfmal so viele Fälle. Die Kosten unserer Justiz stünden mit 14 Dollar pro Kopf der Bevölkerung an der Spitze der von Blankenburg verglichenen Länder (Italien, Schweden, Großbritannien, Kalifornien).

Angesichts solcher Vergleiche müsse man mit Verwunderung Zeitungsberichte zur Kenntnis nehmen, die mit der Drohung des „Stillstandes der Rechtspflege“ von der Überbelastung der Richter und Staatsanwälte berichteten. Und an anderer Stelle: „Und was werden die Personalabteilungen der Länderjustizminister machen, wenn – wie es im letzten und in diesem Jahr aussieht – die Geschäftsanfallzahlen wieder sinken?“

Doch Blankenburgs Zahlen deuten eher auf weiteres Anwachsen, wenn man alles in allem nimmt. Er erwähnt die wachsende Rechtsberatung, die Verbreitung von Rechtsschutzversicherungen. Besonders auffällig ist das bei der Verwaltungsjustiz Von 1971 bis 1977 beträgt deren Arbeitssteigerung 166,2 Prozent (1971: 57 000 Sachen, 1977: 152 000 Sachen).