Die Distanz vergoldet. Wenn Gerd Müller, abgedankter deutscher Bundesliga-Profi, im amerikanischen Fußball (soccer) seine Tore schießt, dann ist das hierzulande immer noch eine Meldung wert. Obwohl bei näherem Hinsehen nicht zu leugnen ist, daß die langsam ins Pensionärsalter kommenden Stars deutscher Provenienz, wie Müller, Lippens oder Granitza, ihre Serienerfolge im amerikanischen Fußball nur deshalb verbuchen können, weil die Anforderung gen in der Soccer-Liga der USA um soviel geringer sind als in der deutschen Bundesliga.

Die direkten Leistungsvergleiche zwischen hüben und drüben haben es deutlich bewiesen. Selbst die beste Mannschaft der nordamerikanischen Profi-Klubs, Cosmos New York, handelte sich während ihrer Europatournee, vor allem auf deutschen Fußballfeldern (unter anderem 0:2 gegen eine zweitklassige Mannschaft aus Freiburg), bittere Niederlagen ein.

Nun haben die Amerikaner selbst erkannt, daß die gute alte Formel – bessere Leistungen, mehr Zuschauer; mehr Zuschauer, besseres Geld – auf den nordamerikanischen Soccer-Feldern nicht mehr stimmt. Und wo das Geld im Spiel ist, hört die Gemütlichkeit auf.

In Boston zum Beispiel verlor das heimische Team innerhalb eines Jahres 100 000 Zuschauer. Passierten noch vor Jahresfrist durchschnittlich 11 859 Zuschauer die Kassen, so sind es jetzt nur noch knapp 7000. In Chicago hat Klub-Boß Lee Stern, der pro Saison rund 500 000 Dollar verliert, bereits angekündigt, daß er im nächsten Jahr das Handtuch wirft, sollten die Zuschauer- – zahlen das Defizit nicht ausgleichen können. Lee Stern braucht 22 500 Fans pro Spiel auf den Rängen, soll der Jahreshaushalt von 1,2 Millionen abgedeckt werden. Aber es kommen im Durchschnitt nur 18 000.

Die Fernseh-Verantwortlichen der American Broadcasting Company (ABC), die 1979 mit mehreren Direktübertragungen ins Fußballgeschäft einstieg, waren nicht weniger enttäuscht: Die Einschaltquoten blieben „weit hinter den Erwartungen zurück“. Trotzdem will ABC in den kommenden zwei Jahren noch einmal 1,5 Millionen Dollar für Soccer-Übertragungen investieren.

Der nordamerikanische Fußball steht auf der Kippe. Die mühsam gewonnenen Fans haben längst gemerkt, daß ihnen etwa im Vergleich zum europäischen oder südamerikanischen Fußball nur zweite Wahl zu hohen Preisen geboten wird. Mit den Leihgaben aus Europa ist es nicht getan. Der nordamerikanische Fußball wird, kaum daß man ihm zum Leben verhelfen hat, wieder eingehen, wenn er nicht eine Verjüngungsspritze bekommt. Wenn der Nachwuchs nicht endlich aus New York, Chicago oder Boston selbst kommt, statt alte Hasen aus München, Essen oder Berlin. Gerhard Seehase