Ein Plädoyer für eine faire Debatte über die künftige Rundfunkverfassung

Von Dietrich Schwarzkopf

Es gibt einen öffentlichen Affekt gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Affekt wird gepflegt und genährt von Personen und Gruppen, die in der Diskussion über die künftige Rundfunkverfassung für die Zulassung von privaten Veranstaltern eintreten. Gegen die öffentliche Debatte über die Zukunft des Rundfunks habe ich als Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems nicht das geringste einzuwenden. Ich wünsche mir, daß sie fair und sachlich geführt wird und wirtschaftliche, juristische, ordnungspolitische und sozial-ethische Gesichtspunkte ebenso einbezieht wie die Erfahrungen anderer Länder mit privatwirtschaftlich verfaßtem Rundfunk.

Ich wende mich freilich mit Nachdruck dagegen, daß die Debatte zu einem nicht unerheblichen Teil unfair und einseitig zu Lasten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten geführt wird. Es sind keineswegs nur die Kommentatoren und Kolumnisten eines großen Verlagshauses, die am deutschen Rundfunk in seiner gegenwärtigen Verfassung kein gutes Haar lassen, den Begriff öffentlich-rechtlich am liebsten zum Schimpfwort machen wollen und jede Initiative zugunsten von privaten Rundfunkveranstaltern völlig unkritisch als Erlösung von dem vermeintlichen Übel des öffentlich-rechtlichen Monopols feiern.

Aus meiner Sicht ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, daß eine sachliche und faire Debatte über die künftige Rundfunkverfassung leidenschaftlich geführt wird, daß sie Fehler und Schwächen des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems offen darstellt. Freilich halte ich es für einen üblen Trick, Unzufriedenheit des Publikums mit dem Rundfunkprogramm ausschließlich als Ausdruck der Kritik an der Rundfunkverfassung zu werten und damit die Verheißung zu verbinden, die Gründe für die Kritik würden mit der Zulassung privater Veranstalter entfallen, weil private Veranstalter angeblich ausschließlich die Wünsche des Publikums erfüllen, während öffentlich-rechtliche Veranstalter sie notorisch mißachten.

Ich halte es deshalb für unfair, Publikumskritik am Programm für die Verwendung als Waffe in der Debatte über die Rundfunkverfassung ganz und gar zu beschlagnahmen, weil es nämlich eine unvermeidbare Begleiterscheinung des Rundfunks in jeglicher Verfassung – ob staatlich, öffentlichrechtlich oder privat – ist, das Teile des Publikums den Eindruck haben, das Programm werde immer schlechter. Gene F. Jankowski, Präsident der amerikanischen CBS/Broadcast Group, sagte am 19. März 1979 in einer Rede vor der International Radio and Television Society in New York: „Wir leben in einem Land, in dem es populär ist, das Fernsehen zu kritisieren. Tatsächlich habe ich oft den Eindruck, daß einige der aktiveren Kritiker unseres Mediums nicht einmal Fernsehgeräte besitzen, denn ihre Briefe und ihre massive mündliche Kritik sind gelegentlich sehr schwer mit dem Programmangebot in Übereinstimmung zu bringen.“ Jankowski zitierte sodann Kritiker, die seit der Einführung des Fernsehens in den Vereinigten Staaten immer wieder geschrieben hatten, das Fernsehen sei schlecht und werde immer schlechter, dann aber nach einiger Zeit zurückliegende (und damals von ihnen kritisierte) Perioden jeweils als das „goldene Zeitalter“ des amerikanischen Fernsehens nostalgisch priesen.

Auch hierzulande kann man die Erfahrung machen, daß Kritiker sehr schnell mit Pauschalurteilen über die Qualität der Rundfunkprogramme bei der Hand sind, aber meist im Gespräch über Detailkritik zu dem Schluß kommen, die Pauschalurteile ließen sich vernünftigerweise nicht aufrechterhalten. Freilich haben Pauschalurteile die Eigenschaft, daß sie bequem und begierig aufgegriffen werden und sich vom Schneeball zur Lawine entwickeln können.