Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

Ob er außer in eine Wahlkampfkommission auch in die Führungsmannschaft oder gar in ein Schattenkabinett kommt, ist noch nicht gewiß. Ernst Albrecht, ohnehin oft eine Sphinx, gibt der Union neue Rätsel auf. Noch vor wenigen Tagen konnte sich sein getreuer Knappe Wilfried Hasselmann ohne weiteres ein Gespann aus Strauß und Albrecht vorstellen, wie zwei Zugpferde an einer Deichsel, als Sinnbild für die Einheit der Union und ihr politisches Spektrum. Aber nach seinem Besuch bei dem Österreich-Urlauber Albrecht klingen solche hochgemuten Töne wesentlich gedämpfter. An der Wahlkampfplattform der Opposition wird der niedersächsische Ministerpräsident ohne Zweifel mitarbeiten. Auch im Wahlkampf selbst will er sich kräftig engagieren, zumal in Bayern, wie umgekehrt der Wahlkämpfer Franz Josef Strauß schon jetzt von den CDU-Oberen in Hannover willkommen geheißen wird. Doch wie dicht Albrecht hinter dem Kanzlerkandidaten aufschließt, als Mitglied seiner Equipe, das steht noch dahin.

Natürlich ist vieles-von dem, was jetzt geredet und berichtet wird, nichts als Spekulation, in der Sommerflaute mehr von Unberufenen als Berufenen in Umlauf gebracht. Dennoch erscheint Albrechts Zögern symptomatisch. Nachdem die Kandidatenkür, eine Schwergeburt, Anfang Juli doch noch geglückt war, sind die Fraktion und die CDU erschöpft in die Ferien gegangen; Ruhe war die erste Unionspflicht. Aber je näher der September rückt, in dem allerhand Kommissionen beginnen müssen, im einzelnen Nägel mit Köpfen zu machen, desto intensiver denken viele Christliche Demokraten darüber nach, wie sie sich denn mit dem Kandidaten Strauß einrichten wollen und können und wie sich die Entscheidung für Strauß einem grummelnden Publikum, etwa in der Jungen Union, erklären läßt.

Von Strauß selber kommen dabei einstweilen kaum Wegweisungen. Was er politisch oder programmatisch zu Protokoll gibt, ist noch von großer Allgemeinheit. Und wo die Skeptiker in der CDU ihre Bedenken bestätigt sehen, wiegelt er ab. Während ein CSU-Funktionär die Reform des Paragraphen 218 mit den nationalsozialistischen Massenmorden vergleicht, plädiert er dafür, es statt mit einer Gegenreform erst einmal mit finanzieller Hilfe zu versuchen, um Abtreibungen aus sozialen Gründen zu verhindern. Dafür hat sich, allerdings vergeblich, auch der linke CDU-Flügel vor der letzten Bundestagswahl verwendet. Und während Papiere aus der CSU-Zentrale wieder die Erinnerung an die alten christlich-sozialen Affekte gegen die Gewerkschaften wecken, verabredet sich Strauß mit Heinz Oskar Vetter. Wie es den Sozialdemokraten vorläufig schwerfällt, sich auf ihn einzustellen, so wissen auch die Mißtrauischen in der CDU noch nicht, woran sie mit Strauß und seinem Anhang wirklich sein werden.

Der Kanzlerkandidat hält sich bedeckt und taktiert vorsichtig, weil er zunächst einmal eben sich der Mißtrauischen vergewissern muß, wenn er im Wahlkampf mit einiger Aussicht auf Erfolg antreten will. Seit seiner Inthronisation auf dem Kandidatensessel braucht er unbedingt die Unterstützung jener, die er selber einmal abschätzig als Nordlichter bezeichnet hat und die mehr für das liberale Element im Unionsspektrum stehen. Auf der anderen Seite freilich kann er sich nicht als Eckfigur des konservativen Lagers in der Union verleugnen, als die er ja schließlich auch auf den Schild gehoben worden ist. Schon in der letzten Bundestagsdebatte vor den Sommerferien, in der es um die Energiepolitik ging, war die Enttäuschung unter seinen Gefolgsleuten beträchtlich, als er nicht wie eine deutsche Margaret Thatcher gegen Helmut Schmidt antrat, sondern sich moderat verhielt.

Umgekehrt wissen natürlich auch die Nordlichter genau, was für ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiele steht. Aber ebenso genau ist ihnen geläufig, daß sie sich nicht dem Anflug eines Verdachts aussetzen dürfen, sie leisteten dem Kandidaten nur laue Lippendienste und warteten im Grunde auf sein Scheitern. Abgesehen davon, daß solche halbherzige Unterstützung den Wählern nicht verborgen bleiben würde, liefen sie Gefahr, als Sündenböcke abgestempelt zu werden, denen am Ende keiner mehr verzeiht. Mehr noch als Strauß müssen sie Interessen und Überzeugungen gegeneinander abwägen.