Von Hans Magnus Enzensberger

Die üblichen Klagen zuerst. Sie kommen von Herzen, aber ich kann mich, was sie betrifft, kurz fassen. Denn seit Jahren jammern Bildungsexperten, Professoren, Chefs über mangelhafte Deutschkenntnisse bei Hauptschülern, Doktoranden, Lehrlingen; ja sogar aus den Handelskammern sind diesbezügliche Seufzer zu vernehmen, gerade so, als wiese ein reichliches Spesenkonto den Inhaber schon als Gralshüter der Muttersprache aus.

Diese Verwahrlosung! Dieser Amerikanismus! Diese rüden Stummelsätze aus der Diskothek! Diese unglaublichen Patzer im Schulaufsatz! Und so weiter. Das kennt man. Man kennt den müden Stumpfsinn der alternativen scene, man kennt die berüchtigten Zwanzigjährigen, deren Wortschatz kaum über achthundert Vokabeln hinausgeht und deren Grammatik die Struktur eines Kaugummis hat; allerdings auch die Klagen darüber kennt man, ja sie hängen einem möglicherweise schon zum Hals heraus.

Denn die Herren, die unserer Sprache da so eilfertig beispringen, als wäre sie eine altersschwache Patientin: diese muskulösen Pfleger machen sich ja nicht erst seit gestern an ihrem Rocksaum zu schaffen. Und heute wie damals bleiben ihnen nachhaltige Erfolge versagt – glücklicherweise, möchte ich meinen, wenn ich bedenke, was diese Apostel des guten, wahren und richtigen Deutsch sich schon alles geleistet haben an Dünkel, Verbohrtheit und Besserwisserei, allen voran der Herr Dr. Konrad Duden selig, der unserer Sprache, die ja wohl kaum die Seine war, schon vor hundert Jahren mit seinen hageren Schulmeister-Ellenbogen zu nahe getreten ist.

Da ist der Herr Doktor freilich an die Unrechte geraten. Die Sprache ist nämlich immer lebendiger und jünger als ihre arthritischen Leibwächter. Sie pfeift darauf, von ihnen reingehalten und beschützt zu werden, und auf die akademische Wach- und Schließgesellschaft hat sie – sit venia verbo – einfach keinen Bock. Die Rache der Impotenten sind die Vorschriften, mit denen unsere Kinder in der Schule mißhandelt werden. Hinter dem Rücken ihrer Aufseher aber läßt sich die Sprache munter mit den Vandalen ein, vor denen jene sie zu bewahren suchen. Großmütig wie eh und je gibt sie sich hin dem frechen, penetranten, falschen, chaotischen, gepfefferten, gemeinen, obszönen Gequassel der Fußballer, Schüler, Knastbrüder, Börsianer, Soldaten, Zuhälter, Flippies, Penner und Huren. Der reinste Horror-Trip, müßten die Herren vom zuständigen Sprachdezernat da ausrufen, wenn ihnen diese vulgäre Wendung nicht fremd wäre.

Nur, daß man unsereinen hierauf nicht mit allen Anzeichen des Entsetzens aufmerksam zu machen braucht. Sensible Ohren haben wir selber, und was mich angeht, so gebe ich gerne zu, daß ich zusammenzucke, wenn die Kids anfangen, ihre Beziehungskisten auszudiskutieren, und wenn sie wieder mal kurz abchecken, was Sache ist Diese Redensarten finde ich deprimierend.

Wenn ich dann allerdings den Fahrkartenzwickern der Nation zuhöre, wird mir noch übler; diese Heger, Warner und Walter haben sich ja seit Opa Dudens Zeiten erschreckend vermehrt, und ganz egal, ob sie aus den Redaktionsstuben der F.A.Z., aus dem Rotary Club oder aus dem Kultusministerium kommen, es ist längst nicht mehr damit getan, ihre Schriftsätze in den Papierkorb zu stopfen. „Die. zur Beurteilung berufene Behörde muß sich vielmehr unter Ausschöpfung aller Erkenntnismittel auch und, gerade unter Berücksichtigung von Äußerungen des Bewerbers über seine politische Einstellung – die Überzeugung bilden, ob der Bewerber die Gewähr für die von ihm zu fördernde Verfassungstreue bietet. Zweifel in der Verfassungstreue’ zu haben, bedeutet in diesem Zusammenhang nur, daß die bestellende Behörde nicht davon überzeugt ist, daß der Bewerber die Gewähr bietet, jederzeit die verfassungsmäßige Ordnung zu wahren ... Dem Antragsteller kann es deshalb nichts nützen, wenn er immer wieder hervorhebt, daß er sich derzeit durchaus legal verhalte, die geltenden Gesetze also beachte und dies weiterhin tun wolle. Das ist nicht entscheidend für die Beurteilung, ob er die Gewähr bietet, jederzeit die verfassungsmäßige Ordnung zu wahren.“