Als das deutsche Linien-Schulschiff „Schleswig-Holstein“ am 26. August 1939 vor der Westerplatte festmachte, um, wie es hieß, dem Freistaat Danzig einen Flottenbesuch abzustatten, gab der damalige Hohe Kommissar des Völkerbundes, Carl J. Burckhardt, einen Empfang für die Besatzung des alten Schlachtschiffes und das Diplomatische Korps. Der Kommandant, so berichtet Burckhardt, habe ihm plötzlich mit verstörtem Gesichtsausdruck anvertraut: „Ich habe einen furchtbaren Auftrag, den ich vor meinem Gewissen nicht verantworten kann.“ Er war es dann, der am 1. September die Breitseite seines Schiffes auf die Westerplatte abfeuerte: Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Vierzig Jahre später legte in der vergangenen Woche die „Atalanta“ mit Bundeskanzler Helmut Schmidt an Bord gegenüber der Westerplatte und Danzig auf der Halbinsel Heia an. Mancher meint vielleicht, in vierzig Jahren sei über die Bitternisse und Greuel des Krieges langsam Gras gewachsen – aber so einfach war das nicht. Zu tief sind die Wunden; überdies haben die Polen ein langes Gedächtnis – und sie pflegen es auch. Erst in den Jahren nach dem Abschluß des deutschpolnischen Vertrages von 1970 konnte zögernd, immer wieder von Rückfällen begleitet, eine Normalisierung beginnen, bis hin zu diesem höchst unkonventionellen, freundschaftlichen Besuch des Kanzlers bei Edward Gierek. Dieses Treffen hat gezeigt, daß bei allen weltanschaulichen Divergenzen beide Länder lebenswichtige Interessen gemeinsam haben: Abrüstungsverhandlungen und Energieversorgung.

In der Wochenendausgabe der Tribuna Ludu werden auf der ersten Seite zwei Ereignisse gleichrangig behandelt: einmal das Treffen Gierek–Schmidt bei Danzig, zum anderen die ZK-Sitzung in Warschau, bei der über die Besprechungen auf der Krim zwischen Breschnjew und den einzelnen osteuropäischen Parteichefs diskutiert wurde. In einem kommunistischen Staat ist dies keine journalistische, sondern eine politische Entscheidung. Noch vor wenigen Jahren wäre sie undenkbar gewesen. -ff