Am 14. August ist Richard Alewyn 77jährig gestorben, zu früh für seine Freunde, welche zuversichtlich den 80. mit ihm zu feiern gedachten, und trotz des biblischen Alters zu früh auch für die deutsche Literaturwissenschaft, die er skeptisch betrachtet und mit scheinbar Wenigem überreich beschenkt hat. Vieles von dem, was sie heutzutage in ödem Massenbetrieb so modisch wie einfallslos repetiert, hatte Alewyn längst geistreich und auf eigene Faust ergriffen und zum Thema gemacht: Barockforschung, höfische Feste, Leserverhalten, Unterhaltungsliteratur, Memoiren waren (neben einer lebenslangen Beschäftigung mit der romantischen Poesie und mit Hofmannsthal) seine Gegenstände, und niemals nur literarische. Neben den umfangreichen Schriftenverzeichnissen von Kollegen, die ihm nicht das Wasser reichen können, nimmt sich die Liste seiner Publikationen eher dürftig aus. Aber alles, was er vollendet hat, war vollendet und tröstet über die vielen Pläne hinweg, die er stets gehegt und immer noch zu realisieren gehofft hat.

Richard Alewyn war kein einfacher Mensch. Groß und kräftig als Erscheinung, aber, von empfindsamem Wahrnehmungsvermögen; auf dem Katheder eher mühsam und gehemmt formulierend, aber von blitzschnellem Witz im Gespräch; verletzlich und kühn zugleich; zurückhaltend bis zur Abweisung, aber zugewandt und zuweilen bezaubernd, wirksam noch, wenn er schwieg. Andere hatten es, wenn sie zu seinen Freunden zählten, leichter mit ihm als er mit sich selber. Denn die Forderungen, die er vorzüglich im Bereich seiner Arbeit an sich stellte, waren unbegrenzt. So ironisch er sein konnte und so ironisch er den Betrieb der Germanistik sah, so ernst nahm er jede Aufgabe, die sich ihm oft ins Unendliche zu erweitern drohte. Auch wenn er noch älter geworden und gleich kraftvoll geblieben wäre – es darf bezweifelt werden, ob das große Buch über Eichendorff und das andere über Hofmannsthal je erschienen wäre.

Man mag das als Verlust betrachten, aber ein Verlust zählt dort kaum, wo der Überfluß waltet. Indem ich diese Zeilen des Gedenkens niederschreibe, auf einer Ostseeinsel von allen nicht mitgebrachten Büchern entfernt, kommt mir ein Zeitungsblatt mit Peter Wapnewskis schönem Nachruf vor Augen, der aus der Nähe und mit Wehmut sagt, was über diesen bedeutenden Gelehrten zu sagen ist. Nur die Überschrift „Im Bruchstück Vollendung“ scheint mir irreleitend. Denn seine beiden frühen und kühnen Würfe, die Schrift „Vorbarocker Klassizismus und griechische Tragödie“ und die „Studien zum Roman des 17. Jahrhunderts“, die in Johann Behr einen großen Autor überhaupt erst entdeckten, waren grundgelehrte, scharfsinnig philologische und durchaus abgeschlossene Werke. Sie brachten ihm den Lehrstuhl Friedrich Gundolfs in Heidelberg ein, von dem er 1933 vertrieben wurde. 1949 kehrte er nach Köln zurück, ging dann nach Berlin und Bonn. Die Jahre dazwischen waren mühsam und bitter, aber sie haben ihn zur endgültigen Meisterschaft gebildet, die (ohne daß er je Ansprüche erhoben hätte) stillschweigende Anerkennung fand.

Die Meisterschaft machte sich im Gespräch geltend. Unübersehbar, ja glanzvoll wird sie in der in Deutschland so diskreditierten Kunstform des Essays, der knappen Untersuchung, welche aus der Betrachtung einzelner „Probleme und Gestalten“ (der Titel seines unschätzbaren Sammelbandes) ein Ganzes hervorgehen läßt. Wenn Alewyn in einem Nachwort das Leben Casanowas darstellte, so sah sich der Leser am Ende einem lebendigen Bilde des ganzen 18. Jahrhunderts gegenüber. Wenn er über eine Landschaft bei Eichendorff schrieb, so ergab die Analyse einiger weniger Texte mehr als nur die Charakteristik dieses Autors und seiner Welt; die Besonderheit und die Problematik der deutschen Romantik wurden sichtbar. Übergangszeiten, gebrochene Verhältnisse zogen ihn besonders an, seine Affinität zu Hofmannsthal war deutlich und hat mit wenigen Untersuchungen mehr für die Erkenntnis dieses Dichters getan, als alle übrigen Bemühungen zusammengenommen. Der Glanz von Alewyns Schreibkunst überstrahlte allerdings nie die einfache Tatsache, daß seine Interessen alles andere als nur ästhetisch waren. Am Methodengeschwätz hörte er vorbei, Durchschnittliches interessierte ihn noch weniger als Ideologie, aber Menschen interessierten ihn. Wenn er über Raymond Chandler schrieb, so schrieb er keine Soziologie der Detektivgeschichte (auf diesen Terminus legte er Wert), sondern er zeigte, wie deren Faszination von den letzten Dingen ausgeht, vom Tode nämlich.

Der hat ihn nun ereilt, und er wird nicht mehr, wie es geplant war, im Herbst in Wolfenbüttel zu Gast sein und den dort Tätigen das vermitteln können, was in der deutschen Literatur und erst recht der deutschen Literaturwissenschaft kaum zu erlangen ist: einen Maßstab. So zugewandt er der Gegenwart und nicht zuletzt auch politischen (nicht hochschulpolitischen) Fragen war, so sehr verkörperte er auch eine nahezu ausgestorbene species: den deutschen Universitäts-Gelehrten im vorzüglichsten Sinne. Man muß hundert Jahre zurückgehen, um bei einem anderen Exemplar dieser Gattung den Schlüssel zu Alewyns Schreibweise und ihrer zwingenden Wirkung zu finden. In Droysens „Historik“ findet man eine Bestimmung dessen, was von gelehrter untersuchender Darstellung zu fordern sei: „Vorerst muß man nicht meinen, daß sie so viel einfacher, so viel leichter und bequemer ist als etwa die erzählende. Sie fordert viel mehr eine größere Konzentration und Schärfe der Gedanken. Denn sie will nicht wie die erzählende anschaulich sein, sondern überzeugen; sie will nicht die Phantasie beschäftigen, sondern den Verstand befriedigen, und diejenigen irren sehr, welche meinen, daß man bei der untersuchenden Darstellung sich könne gehenlassen, daß man da den Vorzug der Formlosigkeit habe. Vielmehr ihr Vorzug, ihre eigentliche Eigenschaft ist, elegant zu sein.“ Das galt einmal unter Gelehrten in Deutschland, und Richard Alewyn hat gezeigt, daß es immer noch gelten kann. Er hat die historische Wissenschaft von den Künsten als Kunst betrieben, Dank sei ihm dafür.

Walter Killy