Kamerun, bis 1918 Protektorat des deutschen Kaiserreiches, ist wieder in die Schlagzeilen geraten – in die der angelsächsischen Wissenschaftspresse. Dort befehden sich seit kurzem ernst zu nehmende Erdwissenschaftler.

Das Schlagwort der Kontroverse heißt „Membran-Tektonik“: eine der vielen Varianten, mit denen Geophysiker die Bewegungen der Kontinente auf unserem Planeten zu erklären versuchen. Es geht um die letzten 100 Millionen Jahre Erdgeschichte im Golf von Guinea und in den benachbarten Grabenbrüchen rund um das Kamerungebirge. Vor sechs Jahren wiesen der amerikanische Geologe Turcotte und sein britischer Kollege Oxburgh die Anhänger der Plattentektonik-Hypothese darauf hin, daß die Erde leider keine ideale Kugel ist. Durch die Drehung und Unregelmäßigkeiten im Schwerefeld ist ihre Gestalt leicht birnenförmig.

Diese Abweichungen von der Kugelform haben für die über den Globus driftenden Erdkrustenplatten eine fatale Konsequenz. Wenn sich eine solche Platte, die im Verhältnis zum Erdkörper dünn wie eine Membran ist, auf der Oberfläche einer idealen Kugel bewegen würde, dann wäre der Krümmungsradius an jedem Punkt der Kugeloberfläche und damit auch für jeden Punkt der Platte der gleiche: Kontinente und Meeresböden könnten so frei von zusätzlichen Kräften über den schwereren Erdmantel hinweggleiten.

Schwimmt eine Krustenscholle allerdings auf einer unregelmäßig gestalteten „Birne“ wie der Erde, dann treten zusätzliche – tektonische – Kräfte auf, die so groß sein können, daß sich Risse in der Platte bilden: Der Radius der Erdbirne, Geoid genannt, ist nicht für alle Punkte auf der Oberfläche der gleiche.

Driftet nun eine Platte von einem Gebiet mit großem Radius, etwa am Äquator, in einen Oberflächensektor mit geringerem Halbmesser, wie zum Beispiel in unsere Breiten, so treten an den Rändern Spannungen auf, die eine starre Platte zerbrechen können. Grabenbrüche auf dem Festland und Bruchspalten im Meeresboden sind die Folge: Durch die Risse steigt Magma aus dem Erdinneren- auf – so wie dies auf Hawaii, im ostafrikanischen Grabenbruch, ja sogar im Oberrheingraben nach Ansicht der beiden Geologen geschieht.

Anfang dieses Jahres deutete nun eine Gruppe Erdwissenschaftler die Geschichte des Golfes von Guinea und des anschließenden westafrikanischen Festlandes mit Hilfe der „nicht sphärischen Plattentektonik“. Ihrer Ansicht zufolge bewegte sich diese Region vor 90 bis 40 Millionen Jahren von Süden her auf den Äquator zu. Die Folge: Spannungen in der Kruste, deren Auswirkungen die Forscher heute noch zu erkennen glauben. Für die nächsten zehn Millionen Jahre soll es dann ruhig gewesen sein in Westafrika. Erst vor 30 Millionen Jahren verschoben Kräfte aus dem Erdinneren wieder die Kruste, und die afrikanische Platte passierte mit der Gegend um das heutige Kamerun den Äquator. Der Krümmungsradius nahm nördlich des Äquators ab, die entstehenden Spannungen spalteten das Gestein. Als Beweis führt eine Membran-Tektonik-Gruppe die Vulkankette an, die sich vom Golf von Guinea bis ins zentrale Kamerun erstreckt.

Eine andere Gruppe um die beiden Geowissenschaftler Thorpe und Wright behauptet allerdings genau das Gegenteil. Afrika habe sich in den letzten 40 Millionen Jahren überhaupt nicht nach Norden bewegt. Deshalb hätten die Spannungen gar nicht auf das Gestein wirken können. Als Beweis führen die Skeptiker die magnetischen Streifenmuster im Basalt der Ozeanböden an.

Resigniert kommentierte das britische Wissenschaftsblatt Nature, „es wäre wahrscheinlich besser, in einem nicht so komplexen Gebiet nach Beweisen für die Membran-Tektonik zu suchen. Wenn jemand das westafrikanische Grabensystem erklären will, muß er schon überzeugendere Beweise bringen.“ Horst Rademacher