Von W. Martin Lüdke

Lieber aktiv und rot als radioaktiv und tot.“ Vereinfachungen solcher Art haben immer einiges für sich, besonders dann, wenn sie als Parole dienen: Sie bieten klare Alternativen.

Der Schweizer Autor Otto F. Walter hat immer auf die politischen Gegebenheiten reagiert, literarisch wohlgemerkt. Sein bisheriges Werk (die Titel, in großen Abständen erschienen, bedacht und kalkuliert geschrieben, lassen sich an einer Hand abzählen) dokumentiert einen Entwicklungsprozeß: die zunehmende Verarbeitung politischer Erfahrung mit literarischen Mitteln.

Walter zählt zu jener Generation deutschsprachiger Autoren, der auch Grass und Enzensberger, Walser und Lettau angehören: die als Kinder die Nazizeit erlebt, in den frühen fünfziger Jahren die ersten literarischen Gehversuche unternommen hat, in den Sechzigern endgültig als Re-Präsentant der neuen deutschen Literatur aufgetreten ist, und jetzt, 1979, selbst über die Schwelle der Fünfzig hinaus, vor neuen Problemen steht. Von zornigen jungen Männern kann, wie einst in der Adenauer-Zeit, schwerlich mehr die Rede sein. Walser hat seine „Midlife-Crisis“ mir einem Bravourstück am „Fliehenden Pferd“ bewältigt; Grass, nach einiger Zeit im Biedermeier, hat wieder zu barocker Brunst zurückgefunden; Enzensberger, wie eh und je flexibel, scheint um solche Fragen unbekümmert und Lettau schließlich schreibt, vom Zug der Zeit gezwungen, immer kürzer werdende Geschichten. Gleichwohl läßt sich bei allen diesen (deutschen) Autoren dieser Generation eine ganz besondere politische Prägung erkennen, die sie deutlich von der Generation, der sie folgten wie auch von der, die ihnen folgt, unterscheidet.

Otto F. Walter scheint, schon weil er Schweizer ist, außerhalb dieser Reihe zu stehen. Seine literarischen Anfänge sind entschieden, stärker „innerliterarisch“, ungebrochen, an der großen Tradition bürgerlicher Literatur orientiert (Faulkner und Joyce wären zu nennen), als an spezifisch politischen Zusammenhängen, gar den bundesdeutschen Gegebenheiten, die später unter den Begriff der Restaurationsepoche gebracht wurden. Dieser Eindruck täuscht: Walter hat lange Jahre in der Bundesrepublik gelebt, die ganze Zeit der Studentenbewegung als Verlagsleiter, (bei Luchterhand). Walter hat, wie er in einem Interview sagte, Literatur stets als Proeine weiter zu entwickelnde Ausdrucks-Möglichkeit begriffen. Die Revolte in der er das

Zentrale Motiv seines Schreibens sieht, ist nicht nur immer stärker thematisch ins Zentrum gerückt, er hat sie immer stärker auch „in formaler Weise“ zu „signalisieren“ versucht.

Ein Blick auf-seine Bücher bestätigt diese Auskunft: Vom „Stummen“ über den, „Herrn Tourel“ zu den „Ersten Unruhen“ bis hin zur „Verwilderung“ gewinnt das Motiv der Revolte immer mehr an Dominanz, eben auch formal, gegen die Tradition gerichtet. Walter hat seine Erzählweise, die literarischen Mittel, verändert und erweitert. Immer konsequenter hat er Montageverfahren eingesetzt, zunehmend die Linearität der Erzählung aufgebrochen, und durch eine Vielzahl verschiedener Erzählebenen ersetzt, die – vermittelt, einander durchdringend – einen immer komplexeren Stoff zur Sprache bringen. Das „Konzept“ der „Ersten Unruhen“, so der programmatische Untertitel des Buches, an dem Walter mehrere Jahre gearbeitet hat, wurde in dem 1977 erschienenen Roman „Die Verwilderung“ auf bestechende Weise realisiert. Walter beschrieb im Grunde nur das Scheitern einer kleinen Utopie, die aber – selbst im Zusammenbruch – keineswegs die Hoffnungen desavouierte, die vor einigen Jahren von einer weltweiten Protestbewegung mobilisiert worden sind.