Von Aloys Behler

Rotterdam

Rein in die Krise – raus aus der Krise! Solche Kehrtwendung vom Unglück ins Glück oder umgekehrt vollzieht sich im Sport manchmal verblüffend schnell. So staunten Deutschlands Springreiter, nach zuletzt mäßigen Leistungen ein bißchen in Mißkredit geraten, nicht schlecht über sich selber, als bei der Europameisterschaft am vergangenen Sonntag in Rotterdam zum Halali geblasen wurde: von vier erreichbaren Medaillen hatten sie mit einem Male drei am Halse.

Gerd Wiltfang, vor einem Jahr in Aachen Weltmeister geworden, holte sich in Rotterdam den Europameistertitel dazu; Kollege Paul Schockemöhle wurde Zweiter. Auch die Mannschaft, komplettiert durch Peter Luther und Heinrich-Wilhelm Johannsmann, belegte (hinter der britischen Equipe) den zweiten Platz. Gold- und Silberwaren wie aus dem Hut gezaubert. Sogar im eigenen Lande hatte man von den deutschen Reitern eher nichts erwartet als dies. Noch wenige Minuten vor dem Ende der Konkurrenz war Paul Schockemöhle bereit, auf Mißerfolg zu wetten. Ein schöner Irrtum.

Im allerletzten Umlauf des dreitägigen Wettbewerbs waren nur noch die zwanzig besten Reiter zugelassen, nach Punkten sortiert, die Stärksten zuletzt. Spitzenreiter wären bis dahin der für Österreich startende Hugo Simon (6,10 Punkte), der Tre Eddie Macken (7,75), der Brite Derek Ricketts (8,65) und dahinter Wiltfang (S,95) und Schockemöhle (9,10). Das heißt: Nur wenn sie selber fehlerfrei blieben und die anderen Fehler machten, hatten die beiden Deutschen noch eine Chance auf eine Medaille. Eine geringe Hoffnung, denn der Parcours mit acht Hindernissen bis zur Höhe von 1,60 Metern schien leicht und für Weltklassereiter ohne große Probleme zu sein.

Ab Startnummer dreizehn summierten sich denn auch die Null-Fehler-Ritte. Der Schweizer Walter Gabathuler mit Harley, die Engländerin Caroline Bradley mit Tigre, einzige „Amazone“ unter anfangs 47 Teilnehmern, der holländische Titelverteidiger Johan Heins mit Argonaut Z – sie alle kamen ebenso springfehlerfrei über die Runde wie anschließend Paul Schockemöhle auf Deister und Gerd Wiltfang auf Roman. Alles deutete darauf hin, daß sich die Reihenfolge an der Spitze nicht mehr ändern würde.

Doch dann brach für die beiden deutschen Reiter der Weihnachtsabend an: die Kollegen Konkurrenten maditen ihnen, einer nach dem anderen, Fehlerpunkte zum Geschenk. Zuerst tapste Derek Ricketts mit Hydrophane Goldstream in den 4,20 Meter breiten Wassergraben, dann riß er auch noch das erste Gatter der abschließenden Steilsprung-Kombination – Wiltfang rückte vor auf Platz drei. Auch der Ire Eddie Macken, dem der Ruf anhängt, bei großen Meisterschaften ein „ewiger Zweiter“ zu sein, hatte mit Carroll’s Boomerang einen Fehler am Wassergraben – vier Minuspunkte, die Wiltfang auf Rang zwei und Schockemöhle auf Rang drei vorrücken ließen.