Von Rüdiger Dilloo

Wir sind jetzt nur zu zweit in Bschaid. Ulla ist weggegangen, zu einer anderen Gruppe in der Nähe; wir hatten uns nicht so gut verstanden. Conny will Geld verdienen und arbeitet für drei Wochen in einer Autobahn-Raststätte. Bleiben wir zwei Männer; und die große Schar der Tiere: drei Kühe, vier Ziegen, zwei Schafe, fünfzehn Hühner, vier Enten, sechs Katzen, ein Hund.

Warum halten wir sie eigentlich, wo sie so viel Arbeit machen? Fünf von ihnen werden gemolken, neun täglich auf die Weide geführt, alle drei Dutzend wollen gefüttert sein. Schon vor unserem eigentlichen Frühstück werken wir zwei Stunden für die Viecher: Grünfutter sensen (dengeln müßte ich wieder, kein’ Schneid’ hab’ ich mehr), Stall saubermachen, einfüttern, tränken, melken, Kälbchen füttern. Bis endlich der schwarze Tee meinen Geist aufrichtet, ist mein Körper schon verschwitzt und von Bremsen zerstochen.

Mittag. Die Tiere sind draußen, angepflockt. Nach dem Frühstück habe ich die neuen Pflöcke aus den Löchern von gestern gezogen und sie mit dem Vorschlaghammer an anderer Stelle wieder eingeschlagen, den neun Tieren ihre Stricke umgelegt, sie nacheinander hinausgeführt, mir nicht auf die Zehen treten lassen. Alles wie jeden Tag. Letzte Woche bin ich im Dunkeln gegen einen der Pflöcke gelaufen, barfuß, eine Zehe brach ganz locker.

Während ich jetzt an einem improvisierten Schreibtisch sitze, zu meinen Füßen den Garten voll von Kraut und Unkraut, gerät Christoph in mein Blickfeld am Fenster. Er erntet Bohnen. In der Hocke oder sitzend arbeitet er die Reihe entlang, einen großen Korb vor sich. Jetzt ist er unter der Vogelscheuche, zu der mir, am Schreibtisch, Christus einfällt, die Arme breitend. Jetzt hat er sein Hemd ausgezogen. Ich hab’ am Schreibtisch kalte Füße.

Es ist so, daß das Echo auf. meine ersten beiden Berichte mich immer noch hin- und herwirft Einerseits Zuspruch in Gesprächen und Briefen, andererseits starke Kritik von den Lebensgefährten. Sie haben mich das Mißtrauen gegenüber dem Journalisten fühlen lassen, die Angst vor der Macht dessen, der das Leben anderer öffentlich machen, es werten und verwerten kann. Ich soll von mir schreiben, sagten sie, nicht von ihnen. Meine Ansichten und Gefühle möge ich preisgeben, die ihren nicht.

So will ich das versuchen, auf dem Seil zwischen den Stühlen. Einmal habe ich auf die öfter gestellte Frage, warum ich denn diese Berichte schriebe, ohne Nachdenken geantwortet: „Wegen der Anerkennung, die ich dafür kriege.“ – „Kriegst du hier nicht genug Anerkennung?“ – „Nein, nicht genug.“