Das wirklich Erschreckende in der Bundesrepublik auch im Vergleich zu Österreich ist ja, daß die Fähigkeit, offen und kritisch auch über knifflige Fragen miteinander reden zu können, in der Bundesrepublik völlig verlorengegangen ist. Ganz typisch scheint für mich zu sein, daß die Diskussion über die damalige sogenannte Studentenrevolte zum Jahrestag hier in Österreich stattfindet, und einige dritte Programme in der Bundesrepublik wagen, das zu übernehmen. Dazu sind wir schon nicht mehr imstande.

Jochen Steffen, bis 1977 Vorsitzender der SPD Schleswig-Holsteins, in der Sendung „Jochen Steffen – Ein Porträt“ von Peter Sandmeyer (SFB) am 18. August in der Nordkette der 3. Fernsehprogramme

Neues von Hölderlin

Jeder sein eigener Dichter: Die Forderung unserer alternativen Kulturpolitiker ist schon einmal wahr geworden. Reinhard Bremeyer (Universität Stuttgart) hat in der Württembergischen Landesbibliothek einen Schatz gehoben: 21 Folianten mit rund dreitausend „Casualcarmina“, Gelegenheitsgedichten zu Hochzeit oder Tod, aus den Jahren 1555 bis 1915. Neben je einem Gedicht von Christian Friedrich Daniel Schubart und Johannes Kepler enthält die Sammlung familiärer Lyrik, zwei bisher unbekannte Gedichte Hölderlins. Ein Hochzeitsgedicht wird Bremeyer im „Hölderlin-Jahrbuch 21“ (1978/79) vorstellen. Das Trauergedicht auf den „Kompromotionalen“ am Tübinger Stift, August Friedrich Fischer, „Todten-Opfer“, teilt Bremeyer jetzt in den „Blättern für württembergische Kirchengeschichte“ (78. Jahrgang, 1978) mit.Wegen der für Hölderlin-Leser entlegenen Stelle seien Zeitschrift und vier Verse des vierzig gereimte Zeilen umfassenden Gedichtes aus dem Jahr 1793 hier bekanntgemacht: „Du umschwebst in süssem Wohlgefallen/Deine Treuen, Ahndung schwellt die Brust;/Und die Lebenden und Todten wallen/Umeinander in vereinter Lust.“

Kunst für Fußgänger

Nicht zuletzt, um die steril gewordene, engherzig ausgelegte und eher Unlust als Begeisterung weckende Formel von der „Kunst am Bau“ zu erweitern, ist 1975 der Preis „Kunst und Architektur“ gestiftet worden. Nächstes Jahr soll er zum drittenmal vergeben werden. Thema des Wettbewerbs ist diesmal die „Kunst in Fußgängerbereichen“. Die Kunstwerke, so heißt es, müssen erkennbar „auf eine städtebauliche Situation“ bezogen sein und „auf Veranlassung zumindest aber im Einvernehmen mit dem Bau- und Planungsverantwortlichen geschaffen“ oder erworben worden sein. Unterlagen beim Stifter des Preises, der Junior-Baukonstruktionen GmbH in 3380 Goslar, Postfach 1825, bis zum 15. November 1979.

Exil-Literatur

Während wichtige Bücher des deutschen Exils der Jahre 1933 bis 1945 auf dem antiquarischen Markt Höchstpreise erzielen, sind sie für die Bundesrepublik noch immer zu entdecken. Die neue Reihe „Exilliteratur“ des Gerstenberg Verlages in Hildesheim will einen Eindruck von Weite und Vielfalt der literarischen Produktion während der Nazi-Jahre geben. Herausgegeben von Hans-Albert Walter (Arbeitsstelle für deutsche Exilliteratur der Universität Hamburg) und Werner Berthold (Leiter der Sammlung Exilliteratur in der Deutschen Bibliothek, Frankfurt am Main) erscheinen als erste Bände: Alfred Döblins „Flucht und Sammlung des Judenvolks“ (Aufsätze und Erzählungen, 1935) und der dritte, in die Werkausgabe des Walter-Verlages nicht aufgenommene Teil des Amazonas-Epos, der Roman „Der neue Urwald“; Gustav Reglers Saar-Roman „Im Kreuzfeuer“, 1934; die Chronik „Von Weimar zu Hitler“ (1940) des ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, Wilhelm Speyers Roman „Das Glück der Andernachs“ und Hellmut von Gerlachs Lebensgeschichte „Von Rechts nach Links“, 1936.