Von Heinz Blüthmann

Bundeskanzler Helmut Schmidt predigte Enthaltsamkeit. Doch sein Postminister Kurt Gscheidle scherte sich nicht darum: Elf deutsche Großstädte, so hat er entschieden, sollen möglichst schnell das bekommen, was die Industrie seit langem fordert: Kabelanschlüsse in jeder Straße und in jedem Haus für des Bundesbürgers liebstes Feierabend-Spielzeug – das heimische Fernsehgerät.

Der neue Postkabel-Service gegen die tägliche Fernseh-Einheitskost kann zwölf TV-Programme ins Wohnzimmer transportieren, viermal mehr als derzeit normalerweise drahtlos empfangen werden können. Solch üppige Wahlmöglichkeiten, von der Geräte-Industrie durch bis zu 24 Programmtasten am Fernseher lediglich vorempfunden, gibt es bislang nur im Ausland, beispielsweise in den Vereinigten Staaten, Kanada und Belgien.

Hierzulande blieb die seit über einem Jahrzehnt. technisch machbare Ausweitung der TV-Programme per Kabel noch ein Opfer politischer Zwistigkeiten. SPD, Rundfunkanstalten und Gewerkschaften auf der einen Seite und CDU/CSU, Verleger und Industrie auf der anderen Seite verhakten sich in einem Clinch, aus dem bis heute kein Sieger hervorgegangen ist.

„Es gibt kein anderes so groteskes Beispiel politischer Verkrampfung wie die Blockierung des Kabelfernsehens in der Bundesrepublik“, schimpfte denn auch Professor Karl Steinbuch bei der Eröffnung der Berliner Funkausstellung. Der Direktor des Instituts für Nachrichtenverarbeitung an der Universität Karlsruhe räumt zwar ein, daß sehr viel auf dem Spiel steht. Denn die neue Technik verändere das menschliche Leben noch einschneidender als einst die Erfindung des Buchdrucks, und es gehe nun darum, wer künftig die politischen Machtpositionen besetze, die mit den modernen Informationssystemen verbunden seien.

Doch für Steinbuch ist klar, daß die Begründung für das Rundfunk-Monopol entfallen ist, nachdem das Kabelfernsehen den früher vorhandenen Engpaß an Sendefrequenzen überwunden hat. In Berlin fragte er deshalb provokativ: „Die Blockierung möglicher (privater) Informationsführer ist bisher ausschließlich ein abschreckendes Merkmal unfreier politischer Systeme. Soll dieses Bevormundungsprinzip jetzt auch unsere freiheitliche Ordnung bestimmen?“

Der erbittert geführte Polit-Streit geht im Kern nämlich um eine einzige Frage: Können oder müssen mit Einführung des Kabelfernsehens und damit dem Ende des Mangels an technischen Übertragungsmöglichkeiten auch private Programm-Veranstalter neben den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten zugelassen werden? Die Fernzuschauer durften – auf den drei Kanälen der Monopolisten ARD und ZDF – nur zusehen. Die Idee, sie um ihre Meinung zu fragen, kam noch keinem der Kontrahenten.