Die Landstraße zwängte sich nun nahe dem Flecken, welcher der Hauptort eines großen Bezirks ist und dem See den Namen gibt, zwischen diesen und die schroff abfallenden Thonschieferschichten, und hier erblickte der Ankommende bald einzeln, bald in ganzen Reihen, Feuer an Feuer mit darüber befindlichen Kesseln, um dieselben aber Gruppen kochender, lagernder, schwatzender Gestalten in malerischem Durcheinander. Verwegene, gebräunte Gesichter mit spitzen Hüten; nackte Arme und zerrissene Hemden. Sind es Zigeuner, die hier ihr Lager aufgeschlagen haben?

Es sind italienische Arbeiter, wie sie alljährlich zu Tausenden aus ihrem so schönen, so übervölkerten und so armen Lande über die Alpen zu uns herüberkommen, um mit ihren fleißigen Händen unsere Eisenbahnen zu bauen und durch die sauren Ersparnisse harter Arbeit ihrer bitteren Armuth zu Hülfe zu kommen. Meist aus den Ebenen der Lombardei oder den Thälern, Welche in die südlichen Abhänge der Alpen einschneidend, stammend, sind die Leute an strenge Arbeit gewöhnt und dürfen durchaus nicht mit dem lungernden Gesindel in eine Linie gestellt werden, wie es sich in italienischen Städten, namentlich des Südens, herumtreibt.

Nehmen wir uns die Mühe, die braunen Gesellen mit ihrem fremdartigen Aussehen und den stark abgetragenen Kleidungsstücken etwas näher zu betrachten, und wir werden Veranlassung finden, so manches Vorurteil schwinden zu lassen, welches deren äußere Erscheinung nur zu leicht erregen möchte.

So trotzt er, unter milderem Himmel aufgewachsen, allen Unbilden des Wetters, schafft vom frühen Morgen bis zum späten Abende als fleißiger und geschickter Maurer oder Erdarbeiter und fördert, da er jede Arbeit in Accord nimmt und Spatenstich auf Spatenstich, Kelle auf Kelle fliegt, ungleich mehr als sein deutscher Concurrent, der mit derberer Kost und manchem tiefen Blick in die Branntweinflasche Hacke und Schaufel um ein Häufdien Erde handhabt, als gälte es Berge zu versetzen. Daher auch der Haß und die Erbitterung deutscher Eisenbahnarbeiter gegen ihre welschen Collegen, welche so oft zu blutigen Händeln führen. Es ist derselbe Kampf, wie er jenseits des Oceans gegen die bescheidenen, aber unaufhaltsam vordringenden Kulis geführt; wird und der mit einem Siege der fleißigeren? Hand und des anspruchsloseren Magens enden; muß. Die Arbeitslöhne, welche nicht überall gleich sind, stellen sich in unserem. Falle so, daß ein Erdarbeiter zwei, ein Maurer drei Gulden (österreichische Währung) verdienen kann. – Was übrigbleibt, wird zurückgelegt und als Ersparniß in kleinen Zeiträumen nach Hause geschickt, wie denn überhaupt mit der Heimat ein äußerst lebhafter Verkehr unterhalten wird.

Ehren wir die schwielige Hand, und bringen wir den sonnengebräunten Männern unsere Sympathien entgegen! Sie verlassen ihr schönes Vaterland, um bei harter Arbeit und in rührender Genügsamkeit das Brod der Fremde zu essen und vorzusorgen für Tage der Krankheit und des Alters, immer zufriedenen Gemüthes und dankbar für jede ihnen erzeigte Freundlichkeit. R. G.

Diesen Beitrag lasen wir in der „Gartenlaube“, Jahrgang 1878.