Von Werner Johe

Die Geschichte des Dritten Reiches ist bis heute aus manchen Blickwinkeln betrachtet und beschrieben werden. Dabei war es sicher nicht immer reines Erkenntnisstreben! das den Autoren die Feder führte, sondern häufig auch der sichere Blick für das aktuelle Interesse eines zahlungswilligen Lesepublikums. Nun hat es eine solche Betrachtung der Vergangenheit unter einer von gegenwärtigen Tendenzen bestimmten Fragestellung immer gegeben und ohne Zweifel ist ein solches Vorgehen legitim. Es konnte daher auch nicht ausbleiben, daß die zeitgenössischen Bestrebungen, die Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft zu erkennen und neu zu bestimmen, die Aufmerksamkeit politisch interessierter Autoren auch darauf gelenkt hat, die Stellung der Frau im nationalsozialistischen Gesellschaftsgefüge zu beschreiben, die ihr von der Ideologie zugewiesene Funktion zu analysieren und die Praxis des nationalsozialistischen Alltags zu erhellen.

Indessen, wo die Früchte am Baum der Erkenntnis wachsen, wächst leider auch das Unkraut. Wer von dem Buch von

Jean Michel Charlier/Jacques de Launay: „Eva Hitler geb. Braun, Die führenden Frauen des Dritten Reiches“; Seewald-Verlag, Stuttgart 1979; 172 S., 29,80 DM,

neue und wesentliche Einsichten erwartet, wird enttäuscht werden. Zunächst einmal geht es schon nicht um führende Frauen, sondern bestenfalls um prominente – und das ist, wie man erfahren wird, ein Unterschied. Sodann nähern sich die Autoren ihren Figuren aus der Perspektive des Kammerdieners und des Schlüssellochs, mit einer ausgesprochenenen Vorliebe für Dienstbotentratsch. Wo bei dieser Begrenzung des Gesichtsfeldes nicht mehr zu sehen ist, beginnen sie zu vermuten - oder schlimmer noch – einfach zu behaupten.

Um so ausführlicher erörtern die Verfasser dafür Zustand und Leistungsfähigkeit der Hitlerschen Sexualorgane, zählen sie von Leni Riefenstahl bis Winifred Wagner – mutmaßliche Aspirantinnen für den Platz an der Seite des Führers auf, schildern sie – wenn auch ein wenig verworren – die Affäre zwischen Lida Baarova und Joseph Goebbels und registrieren die Selbstmordversuche am Liebesweg Adolf Hitlers. Auch aus den Schlafzimmern des Dritten Reichs erfährt der Leser manches, wurde doch dort hin und wieder sogar ein politisches Ereignis „gezeugt“. So vertreten Charlier und de Launay die Ansicht, Goebbels habe das Pogrom vom 9. November 1938 gegen den Willen Hitlers nur inszeniert, um sich bei seinem Führer zu rehabilitieren, bei dem er seit der Baarova-Affäre in Ungnade gefallen war-

Wie kaum anders zu erwarten, bleibt die Hauptfigur Eva Braun bei dieser Art der Darstellung so blaß wie ihre Photographie, Neben mancher der anderen Frauen, so neben Magda Goebbels oder Emmy Göring, wirkt sie eher noch farbloser, als sie in Wirklichkeit gewesen sein mag. Den Verfassern, die im wesentlichen den Erzählungen ihrer Schwester folgen und die Memoirenliteratur ausschlachten, gelingt es jedenfalls nicht, ein Bild dieser Frau zu zeichnen, das über die Charakterschilderung eines mittelmäßig gen Romans hinausginge.