Von Günter Haaf

An gräulichen Gebäuden mangelt es Wien gewiß nicht. Aber so gewaltige graue Klötze, wie sie Donnerstag letzter Woche am linken Donauufer offiziell eingeweiht wurden, hat selbst die österreichische Hauptstadt noch nicht besessen: Im Zentrum ein 56 Meter hoher Rundbau, genannt „Internationales Konferenzzentrum“, und davon ausstrahlend wie die Schaufeln eines Baggerrades drei Flügel mit je zwei ypsilonförmigen Doppeltürmen, die zwischen 45 und 120 Meter über die flachen Donauauen emporragen.

Das wild mit den Flügeln schwingende Superhaus aus Beton, Stahl und Glas ist der Stolz aller Österreicher, die sich davon ein wunderliches Gemenge aus Weltgeltung und Wiederanknüpfung an glorreiche Zeiten, aus ewigem Tourismus und ebenso lange währendem Frieden erhoffen. Für den – vermutlich großen – Rest liefert der Bau, allen Rundungen zum Trotz, genug Reibfläche zu Schmäh und Spott. Das beginnt schon mit der Benennung des Bürosilos, in den ab September insgesamt 4600 Bürokraten internationaler Organisationen einziehen sollen: Offiziell heißt der Klotz an der Donau „Internationales Zentrum Wien“, bei den meisten Hauptstädtern „UNO-City“, bei Spöttern aber Uncity.

Uncit(t)lich erscheint den Kritikastern, daß ein so kleines Land den Vereinten Nationen für rund achteinhalb Milliarden Schilling (das sind etwa 1,2 Milliarden Mark) das „größte Hochbauvorhaben Österreichs“ schlüsselfertig hinstellt und dann für 99 Jahre zum symbolischen Mietzins von einem Schilling pro Jahr überläßt. Es könnte dereinst, warnte die Kleine Zeitung aus Graz, „zum Grabmal des unbekannten österreichischen Steuerzahlers werden“.

Solcher Schmäh halten die Befürworter, angeführt von Kanzler („König Bruno“) Kreisky, einen bunten Strauß vermeintlicher oder tatsächlicher Vorteile entgegen! internationale Reputation, „Wien – 3. Hauptsitz der Vereinten Nationen“ (nach New York und Genf), anhaltend gute Konjunktur dank derartig gigantischer Bauvorhaben trotz kriseliger Weltwirtschaftslage (das ebenso gigantische internationale Kongreßzentrum entsteht gleich nebenan), schließlich auch ein „integraler Bestandteil der österreichischen Außen- und Sicherheitspolitik“ – weil nämlich die Russen, sollten sie auf Wien vorrücken, als erstes die UNO-City erobern müßten, wie eine amerikanische Zeitung spöttelte.

Das Bürokraten-Bollwerk dient zunächst freilich vor allem bereits in Wien ansässigen Organisationen als Herberge – so der UN-Organisation für industrielle Entwicklung (UNIDO) mit etwa 1200 Beamten und der nicht den Vereinten Nationen unterstehenden Internationalen Atomenergiebehörde IAEA (rund 1500 Mitarbeiter). Neuzuzüge aus New York und Genf werden die UN-Abteilungen für soziale Entwicklung und humanitäre Angelegenheiten (CSDHA), für internationales Handelsrecht (UNCITRAL) sowie die mit Rauschgiftproblemen beschäftigten UN-Einheiten sein. Nettozuwachs: 1979 rund 120 Beamte, 1980 etwa 50.

Wien kann sich dieser Tage schon ein bißchen wie der (dritte) Nabel der Welt fühlen, nicht nur wegen des UNO-City-Spektakels. Seit Anfang letzter Woche und bis Ende August tagen gut 4000 Delegierte aus 128 Ländern in der Stadthalle im Rahmen der UN-Konferenz über Wissenschaft und Technologie für die Entwicklung (UNCSTD). Und wie es sich für einen Nabel der Welt gehört, stellen die Österreicher nicht nur Raum und Geld (etwa zehn Millionen der insgesamt knapp 50 Millionen Dollar Konferenzkosten), sondern auch Köpfe: neben UN-Generalsekretär Kurt Waldheim ihre Bundeswissenschaftsministerin Hertha Firnberg als Konferenzpräsidentin.