Die Folgen des Falles Andrew Young für die Nahostpolitik

Von Ulrich Schiller

Washington, Ende August

Die Regie war meisterhaft, der Effekt enorm. Wie ein Schulmeister, der seinem heimlichen Lieblingsschüler eine verpatzte Klassenarbeit um die Ohren schlägt, so sezierte Kuwaits Botschafter Bishara vor dem Weltsicherheitsrat den „Bankrott der amerikanischen Nahostpolitik“. Sichtlich betroffen schien ihn der Widerspruch zu machen, daß die mit der Urtugend der Fairneß ausgestatteten Amerikaner tatsächlich fähig sein sollten, den Palästinensern und nur diesen allein die Zuerkennung des Rechts auf volle Selbstbestimmung zu verweigern. Doch dann zog Bishara sein Kontrastprogramm aus den Papieren: ein Telegramm Jassir Arafats. „Wir können nicht zulassen, daß Andrew Young, der ein großer Mann ist, von den Umständen gezwungen wird, ein Veto abzugeben“, hatte der PLO-Vorsitzende gekabelt. Terzi, Arafats Beobachter bei den Vereinten Natior.en, unterstrich die Bedeutung des Augenblicks und das neue, auf ein besseres „Image“ bedachte Selbst Verständnis der PLO, indem er erklärte: „Sie, Botschafter Young, sind ein Ehrenmann, und wir, ebenfalls Männer von Ehren, wissen darauf zu antworten.“

Der Sicherheitsrat vertagte sich. Die Abstimmung über einen Resolutionsentwurf, der für Amerika wegen der geforderten Souveränitätsrechte für die Palästinenser (Souveränität bedarf eines Staatsgebietes) unannehmbar gewesen wäre, fand nicht statt – Andrew Young zuliebe. So jedenfalls wollten die Befürworter der Resolution den Ausgang verstanden wissen. Daran war ein Körnchen Wahrheit. Wenn es die Umstände erlaubten, sollte dem in der Dritten Welt hoch angesehenen amerikanischen UN-Botschafter vor seinem Rücktritt ein Veto gegen seine eigene politische Überzeugung erspart werden. Die Umstände erlaubten es aber nicht nur, sie geboten es geradezu – um nicht zu sagen, daß die Person Andrew Young für die arabischen Regisseure der Sicherheitsratstagung zum Vorwand wurde.

Ein den Vereinigten Staaten abgezwungenes Veto hätte nämlich nicht nur hoffnungsvolle Ansätze zur Neuformulierung der Palästinenserfrage auf den toten Punkt gebracht, sondern auch die Anerkennungsbemühungen der PLO, über die Europäer auch an die Amerikaner heranzukommen, zurückgeworfen. Die Saudis überdies hätten der unbequemen Entscheidung kaum aus dem Wege gehen können, ob und wie sie die Ölwaffe wieder zücken sollen. So aber konnte der Abstimmungsverzicht den von Terzi in den Vereinten Nationen so geschickt vermittelten Eindruck nur bestärken, daß die PLO auch Maß halten könne und auf dem diplomatischen Parkett bemerkenswerte Fortschritte gemacht hat. Nahezu alle Medien der amerikanischen Ostküste haben ihr das bestätigt. Nur der hinter den UN-Kulissen vorbereitete Abstimmungsverzicht gab Andrew Young auch den Impuls für eine Abschiedsrede, die Araber und Afrikaner als weiteren Beweis dafür ansehen konnten, daß in einem wesentlichen Teil der amerikanischen Gesellschaft ein Prozeß des Umdenkens begonnen hat.

Youngs Rede, nahezu unbekümmert aus dem Stegreif formuliert, war ein politischer Hochseilakt. In kühnen Wendungen balancierte er, der turnusgemäß noch den Vorsitz im Sicherheitsrat hatte, seinen Standpunkt zwischen der amtlichen Politik seiner Regierung und der der arabischen Kritiker seiner Regierung. Ein von schweren Opfern in Korea und in Vietnam begleiteter Fehler Amerikas sei es gewesen, sagte Young beispielsweise, jahrzehntelang nicht mit der Volksrepublik China gesprochen zu haben. Genauso ein Fehler sei es heute, nicht mit der PLO zu reden. Und töricht seien die Araber, keine guten Beziehungen zu Israel zu suchen. Young blickte fest in die Runde, in der Botschafter des Ostblocks und der Dritten Welt kurz zuvor noch ihre Tiraden gegen Israel abgezogen hatten. An anderer Stelle hielt er der PLO vor, durch Terror und Gewalt viel an Kredit verloren zu haben. Doch dann kam rücksichtslos die Ergänzung: Auch Israel verschwende sein Kapital an moralischer Glaubwürdigkeit, indem es blutige Angriffe im Südlibanon führe.