Ich bin“, so hat es Juri Grigorowitsch, Leninpreisträger und Chef-Choreograph des Moskauer Bolschoi-Theaters, einmal formuliert, „für ein Ballett-Theater großer Gefühle, harter Zusammenstöße und energischer Konflikte.“ All das bot das 72stündige Spektakel um die schöne Sowjet-Ballerina Wlasso;... Die Szenerie glich einem Geiseldrama, die Weltmächte agierten wie Nußknacker, und für die Statisten, die schwitzenden sowjetischen Passagiere, wurde die Iljuschin 62 zum Feuervogel.

Böse Pannen, weil beide Seiten für ihre Solonummern schlechte Choreographen haben: die Russen fürs Ballett, die Amerikaner für die Menschenrechte. Im ersten Akt ließen es die vorgewarnten US-Behörden geschehen, daß die Balletteuse durch ein Korps von acht sowjetischen Bullen an allen Sperren vorbei ins Flugzeug geleitet wurde. Dann setzte die Moral mit großem Orchester ein, der Präsident persönlich dirigierte aus Camp David mit. Eine ehrbare, aber vom Fortgang der Handlung hoffnungslos überholte Entschlossenheit. Eine Frau, die sich laut Aussage ihres eigenen Mannes zum Absprung nicht entschließen konnte, als sie noch die Freiheit dazu hatte – die sollte sich nun den Druckmitteln von erfahrenen Bewachern noch entziehen können?

Für Moskau ist die Schlappe allerdings noch größer durch den Absprung des Starsolisten Alexander Godunow. Der Luxus des Westens habe ihn gelockt, so hieß es in Boulevard-Kommentaren. Luxus hat er auch drüben, aber keine schöpferische Entfaltung. Das sowjetische Ballett, das! kulturelle Paradepferd, bringt die größten Könner hervor. Aber um wahre Künstler zu werden, fehlen selbst ihnen Freiheit und Ausdruck, Inhalte, die neue Formen beeinflussen. Moderner Tanz ist tabu, Stücke werden für Jahrzehnte einstudiert, Choreographen stammen noch aus der Zarenzeit. Als Bejart in Moskau war, übten die Stars mit ihm auf einer Datscha, weil sie es in den heiligen Bolschoi-Hallen nicht durften. Deshalb springen die Besten ab.

C. S. H.