Von Petra Kipphoff

Von Eva Hesse war auf der documenta 5, 1972, eine von Sol Lewitt installierte Skulptur zu sehen, waren auf der documenta 6, 1977, einige Blätter in der Handzeichnungsaustellung untergebracht. Es gab sogar, 1965, eine Einzelausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle, aber damals war sie durch einen außerordentlichen Zufall für ein Jahr nach Kettwig an der Ruhr verschlagen und galt mehr als Ehefrau von Tom Doyle, dem amerikanischen Plastiker, der von dem Fabrikanten Arnhard Scheidt für ein Jahr nach Deutschland eingeladen war. Eine Gelegenheit, ihr Werk wirklich kennenzulernen, gab es hier bisher nicht, nur den Widerschein eines Mythos. Eva Hesse, 1936 in Hamburg geboren, 1939 auf der Flucht vor Hitler mit ihren Eltern in New York angekommen, starb 1970 nach drei Operationen an Gehirntumor. Ihre Mutter hatte 1945 Selbstmord begangen, 1966 starb ihr Vater, brach ihre Ehe auseinander.

Vieles in der Biographie von Eva Hesse erinnert an Paula Modersohn-Becker. Ihr ganzes bewußtes Leben war ein Versuch, die jenseits aller Moden und Kompromisse wahrhaftige Kunst mit ihrer Arbeit zu entdecken. Nach ihrem Tod wurde sie gern benutzt für feministische Ambitionen oder geschlechtslose Emotionen, aber das ist ein Profit, der allein aus ihrer Biographie geschlagen wird, ihr Werk ist viel zu einzelgängerisch für derartig isolierte Effekte.

Wer Eva Hesses zarte, vom strengen Charakter des Seriellen geprägte Zeichnungen aus Kassel erinnert, verschleierte Geometrie, der wird beim ersten Anblick der fast vierzig Skulpturen und Zeichnungen, die Carl-Albrecht Haenlein jetzt in der Kestner-Gesellschaft versammelt hat, wahrscheinlich leicht verwirrt sein. Gehört das zu ein- und demselben (Euvre: die ins kleinkarierte Rechenpapier gesenkten Kreise, penibel nach Art eins Strickmusters, und das von der Decke herabhängende, in den Raum ausgreifende Gewirr von Kordeln und Schnüren, Knoten und Schlingen? Die Ausstellung entwickelt, nur visuell und viel überzeugender als der Katalogtext von Rosalind Kraus es tut, den Zusammenhang dieses scheinbar so disparaten Werks, die Notwendigkeit der Bewegung zwischen scheinbaren Extremen, die Kontinuität schließlich, die in den Kontrasten liegt.

Eva Hesse war eine intensive Tagebuchschreiberin, war im ständigen Dialog mit sich selber. Als sie 1959 die Yale „School of Art and Design“ mit dem „Bachelor of Fine Arts“ verließ (sie war eine Lieblingsschülerin von Josef Albers, den sie als Persönlichkeit bewunderte, aber dessen Kunst sie ablehnte), notierte sie ihre Ziele: „... ein richtiger Mensch sein, Malerin ... Familie haben, Kinder ... kämpfen, eine Malerin zu werden ... keine Mittelmäßigkeit für mich ... Ich werde die oberflächliche Unaufrichtigkeit ablegen, ich werde gegen jede Regel malen, die ich selber oder andere unsichtbar gesetzt haben.“ Zu so viel Gläubigkeit und Selbstbewußtsein gehören ebenso genuine Zweifel über die Natur dessen, Was sie so heftig will, die Frage nach dem eigenen Maßstab: „Stört das Gefühl den Intellekt? Was ist zufällig, was notwendig?“

Von den Zeichnungen, die Eva Hesse in dieser Zeit machte, sind einige meist kleinformatige Gouachen in Hannover zu sehen: halbabstrakte, anthropomorphe Formen schälen sich, dunkel gegen hell, aus einem amorphen Hintergrund heraus. Die Erfahrungen von Pollock, de Kooning und den amerikanischen abstrakten Expressionisten sind hier rezipiert, aber in der Art, wie sie mit weit angelegten breiten Pinselzügen viel mehr Raum und Volumen schafft als Fläche und Farbe probiert, liegt ein seltsam direkter Hinweis auf Eva Hesses späte Skulpturen.

Im Jahr 1964 folgen Tom Doyle und Eva Hesse der Einladung nach Kettwig, sie haben hier den obersten. Stock eines Fabrikgebäudes als Studioraum zur Verfügung, dazu Werkzeug, Maschinenteile, Siebe, Draht und alles, was die alte Fabrikhalle hergibt. Eva Hesse macht starkfarbige Zeichnungen, auf denen klar konturierte Formen in unregelmäßigen Reihungen eine Schubkraft entwickeln, die stellenweise über das Blatt hinausdrängt; oder große, maschinenartige Gebilde flach und drastisch das Blatt besetzen. Einige dieser Blätter, in denen die großen Konturen ihrerseits durch horizontale und vertikale Linien begrenzt und abgeschnitten sind, sehen aus wie die Kinderzeichnung eines Baukastens.