Die Energiekrise, die in den achtziger Jahren droht, haben wir uns selbst eingebrockt

Für die Bundesbürger fand die Energiekrise bisher vor allem in den Schlagzeilen der Zeitungen statt. Natürlich hat sich jeder geärgert, wenn er beim Tanken schon wieder tiefer in die Tasche greifen mußte oder beim Anblick der Heizölrechnung sah. wie teuer eine gemütliche warme Wohnung geworden ist. Aber noch muß niemand frieren oder sein Auto mit leerem Tank irgendwo an der Landstraße stehen lassen. Einen Vorgeschmack davon bekamen allerdings deutsche Urlauber in einigen unserer Nachbarländer, wo ihnen der Treibstoff manchmal nur literweise zugeteilt wurde oder zeitweise ganze Regionen „trocken“ waren. Die vernünftige, an marktwirtschaftlichen Grundsätzen orientierte Politik der Bundesregierung gegenüber Ölländern und Ölkonzernen hat uns derartige Erfahrungen im Inland bisher erspart.

Leider kann niemand behaupten, daß die deutsche Energiepolitik in anderen Bereichen ebenso vernünftig und erfolgreich war. Auch dafür werden wir eines Tages die Quittung bekommen – vielleicht schneller, als selbst Pessimisten dies bisher erwartet haben.

Spätestens dann, wenn das Licht im Treppenhaus erlöscht, Mütter mit Kindern in Aufzügen steckenbleiben, in der Küche der Herd kalt und die Kühltruhe warm wird und im Wohnzimmer die Mattscheibe mitten im Krimi zu flimmern aufhört, werden uns alle Sünden unserer Energiepolitik einfallen.

Für viele wird eine Welt zusammenbrechen, wenn die Energie aus der Steckdose nicht mehr jederzeit zur Verfügung steht. Jahrzehntelang hat in der Bundesrepublik Strom mit fast absoluter Sicherheit zur Verfügung gestanden. In vielen unserer Nachbarländer ist es wegen häufiger Streiks und gelegentlicher örtlicher Netzausfälle nicht so ungewöhnlich, daß die modernen Heinzelmännchen den Dienst versagen: Föhn und Kühlschrank, Staubsauger und Rührgerät, Spülmaschine und Grill.

Bisher war dies alles nur eine düstere Vision. Ein drohender blackout wurde uns erst für die Mitte oder das Ende der achtziger Jahre vorhergesagt. Jetzt fürchten einige Fachleute der Elektrizitätswirtschaft, daß es schon im nächsten Winter zu Engpässen kommen könnte, wenn wegen des teuren Öls allzu viele Elektroofen eingeschaltet werden. Bis Mitte der achtziger Jahre könnte die Kraftwerkskapazität aber schon nicht mehr ausreichen, um den ganz normalen Bedarf zuverlässig zu decken.

Es mag durchaus sein, daß hier wieder einmal Energie-Prognosen veröffentlicht werden, die sich später als unzutreffend herausstellen. Es mag auch sein, daß der Interessen verband der Elektrizitätswerke Zweckpessimismus verbreitet. Vielleicht kommen wir in den nächsten zehn Jahren irgendwie über die Runden, ohne im Dunkeln sitzen zu müssen. Es kann aber ebenso gut sein, daß die Stromknappheit sich sehr viel rascher und unangenehmer bemerkbar macht, als jetzt vermutet wird. Sicher ist nur eines: Wenn wir es wirklich wissen, wird es zu spät sein. Kraftwerke lassen sich nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen.