Über eine halbe Million ausländische Kinder gehen auf deutsche Schulen. Die meisten kommen über die Hauptschule nicht hinaus! wobei sie auch dort oft das Lernziel nicht erreichen. In Zahlen ausgedrückt: aus den sechs wichtigsten Herkunftsländern der Gastarbeiter (Türkei, Italien, Griechenland, Jugoslawien, Spanien und Portugal) stammen rund 413 000 Schüler. Etwa 400 000 Kinder besuchen die Hauptschule. 59 Prozent verlassen sie ohne Abschluß.

Die neuesten Zahlen der Kultusministerkonferenz zeigen, daß sich die Bildungschancen der ausländischen Kinder nicht gebessert haben. Sicher besuchen heute mehr Ausländerkinder Realschulen und Gymnasien als vor zwölf Jahren; aber seitdem ist die Zahl der ausländischen Schüler auch um das Vierzehnfache gestiegen. Nach wie vor schaffen nur wenige ausländische Kinder den Sprung in die höheren Schulen. Gerade bei den weiterführenden Schulen aber ist die Statistik der Kultusminister ungenau. Wie viele Gastarbeiterkinder auf dem Weg zum Abitur sind, läßt sich nicht herausfinden, weil die Statistiker alle ausländischen Kinder, die ein Gymnasium besuchen, gezählt haben, also auch die von Diplomaten, Konsulatsangestellten und Vertretern ausländischer Firmen.

Für die meisten Gastarbeiterkinder sieht die Zukunft düster aus: Ohne Schulabschluß erhalten sie keine Lehrstelle, ohne Berufsausbildung droht ihnen Arbeitslosigkeit. Sie müssen froh sein, wenn sie als Hilfs- oder Gelegenheitsarbeiter unterkommen. Eine berufliche Perspektive haben sie nicht. So bleiben sie als Ausländer und Ungelernte auf der untersten sozialen Stufe hängen, von den Deutschen im günstigsten Fall geduldet, aber nicht einbezogen. Aber ohne Integration, die schon im Kindergarten beginnen muß, werden Hunderttausende ausländische Jugendliche ins Abseits gedrängt, zu Negern der Nation gestempelt. Vor allem in der Bundesrepublik geborene Kinder ausländischer Arbeiter, denen die sozialen Zustände ihrer Heimatländer unbekannt sind, die nur eine Wohlstandsgesellschaft vor Augen haben, zu der ihnen der Zutritt verwehrt ist, werden sich nicht ohne Gegenwehr in ihr Schicksal fügen. Was die Eltern noch erdulden, werden die Kinder, nicht mehr hinnehmen.

Um zu vermeiden, daß sich in der Bundesrepublik ein explosives Minderheitenproblem entwickelt, müssen diese Jugendlichen nicht nur eingegliedert, sondern eingebürgert werden. Dazu gehören gleiche Chancen in Schule und Beruf und die Möglichkeit, deutscher Staatsbürger zu werden, und zwar auf unbürokratische Weise. „Per Postkarte“ soll das nach dem Willen des Beauftragten der Bundesregierung für die „Integration ausländischer Arbeitnehmer“, Heinz Kühn, geschehen. Der einstige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist davon überzeugt, daß sich der Grundsatz, die Bundesrepublik sei kein Einwanderungsland, nicht mehr aufrechterhalten läßt. Kühn wird im September dem Bundeskanzler einen Bericht über die Lage der Ausländer in der Bundesrepublik vorlegen. Hinweise auf Versäumnisse bei der Ausbildung der Gastarbeiterkinder fehlen nicht. Bloßes Aufzählen von Mißständen beseitigt sie allerdings nicht. Die Kultusminister müßten sich auf ein Programm einigen, mit dem den ausländischen Schülern geholfen wird:

  • den Hauptschulabschluß zu erreichen oder nachzuholen,
  • über Förderkurse, auch innerhalb der Betriebe, die Qualifikation für eine Lehre zu erwerben,
  • über Förderkurse und spezielle Eingangsklassen den Übergang auf Realschule und Gymnasium zu schaffen.

In manchen Bundesländern werden solche Hilfen schon angeboten. Doch sind sie oft schlecht koordiniert, und Unterstützung durch die Kultusbürokratie ist schwächlich.

Über eine halbe Million ausländischer Kinder lernen zur Zeit in deutschen Schulen. Sie lernen viel weniger als ihre deutschen Altersgenossen, weil ihnen nicht richtig geholfen wird, weil sie nicht aufgenommen werden.