Von Rolf Schneider

Am 11. März 1938 trat der christsoziale Politiker Kurt Schuschnigg von seinem Amt als Bundeskanzler der Republik Österreich zurück. Sein Nachfolger wurde der Rechtsanwalt Arthur Seyß-Inquart, Führer der österreichischen NSDAP, zuletzt, seit dem Berchtesgadener Abkommen, bereits Kabinettsmitglied, als Leiter des Innenressorts. Seine Kanzlerschaft würde kurz sein. Sie verstand sich als Interregnum bis zu dem auch formell hergestellten Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich.

Der Sache nach war dieser Anschluß schon mit dem Personalwechsel am Wiener Ballhausplatz hergestellt. Hitlers Truppen hatten die österreichischen Grenzen überschritten, Hitler selber befand sich auf dem Wege zu jener Stadt, in der er ein Vierteljahrhundert zuvor seine entscheidenden, politischen Eindrücke erfahren hatte.

Der Anschluß jenes Territoriums, das bald Ostmark heißen würde, war die vorletzte Annexion des Diktators, die wohl mit kriegerischen Mitteln, nicht aber mit dem Mittel des Krieges geschah; die tschechoslowakische Republik würde folgen, bis schließlich, am 1. September 1939, mit dem Überfall auf Polen der Weltkrieg begann. Deutsch-Österreich hatte genau siebzehn und einen halben Monat Zeit, vom Objekt des Hitlerschen Expansionismus zu dessen Subjekt zu werden, vom „christlichen Ständestaat“ zur großdeutschen Faschistenprovinz.

Dieser Vorgang, im Hausjargon der Nazis „Gleichschaltung“, unterschied sich tendenziell in nichts von entsprechenden Prozeduren anderswo im Reich;, aber, was für Berlin und Hamburg in sechseinhalb, für Saarbrücken immerhin noch in vier Jahren ablief, konzentrierte sich für Wien, Linz, Salzburg und Graz auf anderthalb Jahre. Und während man im Reich aus einer zwar infarktbedrohten, gleichwohl noch funktionierenden Demokratie in die Diktatur wechselte, geriet Österreich von einem Direktorialregime zum nächsten. Daß Dollfuß und Schuschnigg als vergleichsweise milde Autokraten erscheinen müssen, mißt man sie an Adolf Hitler, darf nicht. darüber hinwegtäuschen, daß es eben „diese verwandten, autoritären Strukturen und antidemokratischen, korporativistischen Polen“ waren, „die Österreichs Widerstandskraft unterhöhlt hatten“.

Die zitierten Worte finden sich in

Gerhard Botz: „Wien vom ‚Anschluß‘ zum Krieg. Nationalsozialistische Machtübernahme und politisch-soziale Umgestaltung am Beispiel der Stadt Wien 1938/39“; Verlag Jugend & Volk, Wien und München; 646 S., 85,– DM.