Erinnerungswürdig

Böhm in Dresden. Am letzten Dienstag wurde er 85 Jahre alt – kaum jemand, der wie er noch in dieser Lebensphase kreativ sein konnte. Fünfundvierzig Jahre zuvor ging der seinerzeit in Hamburg als Generalmusikdirektor tätige Karl Böhm in die gleiche Position nach Dresden, wurde Chef der Oper, vor allem aber Leiter der Sächsischen Staatskapelle, damals eines der renommiertesten Ensembles in Europa, berühmt vor allem durch seinen Streicherklang und die Qualität der Konzertmeister und Solokräfte. Vornehmlich aus der zweiten Hälfte seiner Dresdner Tätigkeit – 1943 ging Böhm an die Wiener Staatsoper – stammen die Aufnahmen, die jetzt, technisch ein bißchen aufgebessert, in vier Kassetten neu herauskommen. Die ersten, Mozart und Beethoven, Violin-, Horn- und Klavierkonzerte, Kleine Nachtmusik, Leonoren- und Egmont-Ouvertüre, verblüffen beim ersten Anhören: unerwartet schnelle Tempi, die kaum durch beschleunigtes Überspielen entstanden sein können, die aber um so deutlicher die technische Qualität des Orchesters erkennen lassen. Trotz eines relativ hohen Rauschpegels sind auch die Artikulationsfeinheiten zu bewundern, der feine, weiche Ton in Bläsern wie Streichern. Schließlich überrascht ein Gegensatz: Während Böhm im Orchester (s)einen fast modernen Mozart-Stil spielen läßt, praktiziert der Solist Jan Dahmen noch jenes Pathos, das Mozarts Konzert wie von Edvard Grieg geschrieben erscheinen läßt. Eine Kassette nicht nur für die Böhm-Gemeinde, sondern mindestens auch für alle, die an der musikalischen Interpretationsgeschichte einer Zeit ein wenig interessiert sind, aus der nicht viele Dokumente uns überliefert sind. (Electrola 1C 137-53 500/04) Heinz Josef Herbort

Hörenswert

Mick Taylor: „Mick Taylor“. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, liefert ihn (wieder) das Solo-Debüt von Mick Taylor: Die Ausdrucksmöglichkeiten der Blues-Gitarre sind auch nach Jimi Hendrix’ Elektronik-Experimenten noch längst nicht erschöpft. Taylor hat in den Jahren seit der Trennung von den Rolling Stones nichts von seinem ungemein flüssigen und melodischen, an Vibrato und Klangfarben so reichen Spiel verlernt. Verzerrer und Halleffekte benutzt er äußerst sparsam, und wenn, dann mit einer Ökonomie, die ihn als Meister an seinem Instrument ausweist Die Platte demonstriert andererseits doch, daß er wieder eine feste Gruppe gründen sollte, weil er eher ein – wie man im Jargon der Fußballreporter sagt – „mannschaftsdienlicher“ Spieler denn ein nur virtuoser Solist ist. (CBS 82 600) Franz Schüler

Zwiespältig

The Cars: „Candy-O“. Eine Band, die schon bei ihrer zweiten Platte die besseren Ideen ihres Debüts formelhaft plagiiert, betreibt entweder konservatives Marketing oder ist ein ausgebrannter Fall. Die Cars jedenfalls geben sich auf „Candy-O“ so konservativ wie nur denkbar und riskieren selbst bei den besten Popsongs wie „It’s All I Can Do“ oder „Let’s Go“ auch nicht das Geringste. Manche Kompositionen klingen hier wie unfreiwillige (!) Parodien auf den frühen David Bowie und seine Vokal-Manierismen, andere sind in Arrangement, Melodien und Produktionstechnik ganz klar Anleihen bei den Talking Heads und anderen originellen New Wave-Bands. Das risikolose Vergnügen an Pop als clever kalkuliertem Nonsens hinterläßt einen etwas schalen Nachgeschmack: Rock als Wegwerfprodukt. (Elektra ELK 52 148) Franz Schöler