Von Hanna-Renate Laurien

Wer heute Vorzüge der Bildungslandschaft lobt, wer von der Fülle guter, neuer Schulhäuser, Sprachlaboratorien und Sporthallen spricht, wer das breit gefächerte Bildungsangebot in allen Landesteilen, den verbesserten Zugang zur begabungsgerechten Förderung hervorhebt, die kleiner gewordene Klasse erwähnt, der muß mit Widerspruch rechnen. Ihm werden Rechtschreibe- und Rechenschwächen der Studenten wie der Hauptschüler entgegengehalten,er wird auf ideologisierte Inhalte, auf Schule als Hebel der Systemveränderung verwiesen, ihm werden Schwierigkeiten im Schulbus beschrieben, und bestimmt fällt auch das Wort „Schulstreß“.

Vorzüge und Nachteile sollen hier nicht aufgerechnet werden – eine solche Rechnung geht nie auf! Nüchtern bleibt festzustellen: Unsere Zufriedenheit mit dem Bildungswesen ist keineswegs im gleichen Maße gewachsen wie unsere Ausgaben. Bildungspolitik erscheint vielen als Kampffeld, als Pfuhl des Mißvergnügens. Furcht bei Eltern vor fremden Erziehungsstilen; Furcht bei Lehrern und Eltern vor der Aufgabe des Erziehens; Verdrossenheit bei Lehrern, die sich auf verlorenem Posten fühlen; Enttäuschung bei Kindern, die erfahren, daß man sie nach Noten, nicht nach ihrer Person liebt. Soll das die Bildungs- und Erziehungslandschaft für die 80er Jahre sein?

Erziehen heißt, sich auf die nächste Generation einlassen, mit ihr den Sprung in die Zukunft wagen und ihr zutrauen, daß sie fähig wird, Verantwortung zu übernehmen – nicht weniger als wir. Dafür müssen ihr Maßstäbe, Entscheidungskriterien, Wertorientierungen gegeben werden.

Bildung vermitteln heißt, das kulturelle Erbe weitergeben, heißt, die Fähigkeiten für eine aktive Mitverantwortung in Staat und Gesellschaft, in Beruf und Familie entfalten. Dafür muß immer wieder bedacht werden, was bewahrenswert, was veränderungsbedürftig ist, welcher Bildungsweg individuelle Fähigkeiten herausfordert und dadurch fördert. Stellen wir uns diesem Anspruch, so erkennen wir: Schule spiegelt die geistigen und ethischen Defizite unserer Gesellschaft, für die sie zugleich, sie überfordernd, verantwortlich gemacht wird. Sehen wir einmal ab von dem Streit um die Gesamtschule, der von ihren Verfechtern vor allem organisatorisch und soziologisch begründet wird statt pädagogisch, so sehe ich vor allem zwei gravierende Defizite:

  • den Verlust von Ethik als sozialer und damit als pädagogischer Realität und
  • die fehlende Möglichkeit, persönliche Sozialerfahrungen zu machen und über sie nachzudenken.

Wir haben einen Wertkonsens in unserer freiheitlichen und rechtsstaatlichen Verfassung, aber haben wir ihn im Alltag unserer Gesellschaft, unserer Schulen? Ab und an leuchtet bei dieser oder jener Schulveranstaltung faszinierend etwas von dieser Gemeinsamkeit auf, aber schon im Verständnis des Grundgesetzes, in der Frage nach Normen, Haltungen, Erziehungszielen prallen die Gegensätze unversöhnlich aufeinander.