Von Manfred s. Fischer

Komparatisten betreiben in Literaturgeschichte, -theorie und -methodologie eine Vergleichung und Beziehungsforschung, die sich der Ganzheit der Literatur verpflichtet weiß, ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede, diversen internationalen Verhältnissen sowie ihrer Theoriebildung und Methodologie. Keine andere geisteswissenschaftliche Disziplin, abgesehen von der Soziologie, mußte sich so beharrlich wie die Komparatistik in einer intellektuellen und institutionellen Selbstverteidigung behaupten. Einführungen in das Fach – zwei liegen in deutscher Sprache vor (Weisstein, Dyserinck) – sollten hier Abhilfe schaffen können.

Horst Rüdiger (Bonn) sprach sich auf dem 9. Kongreß der Komparatisten (Innsbruck, 20.–24. August) gegen die seit Herbert Marcuse möglich gewordene Verweigerung der Klassik aus und definierte diese als einen für die ästhetische Kritik notwendigen Wertbegriff. Klassik wäre dann eine „Abkürzung des zwischen Dilettantismus und Routine künstlerisch Geglückten und Vollendeten“. Klassische Haltung stehe für das Humane schlechthin und widerspreche einem „Traditionsautomatismus“, der die Fehlerziehung der Klassik zur unkritischen Subordination unter bestehende Normen unterstelle. René Wellek (Yale), der die Literatur wie Rüdiger als eine Garantie gegen den Verfall in die Barbarei benannte, plädierte, nicht zum erstenmal, für eine Theoriefindung der Wertung („theory of criticism“) als dringlichste Aufgabe der Literaturwissenschaft. Erneut bestritt er jede Möglichkeit des Rückschließens von Literatur auf objektive Realität. Literatur spreche eine besondere Sprache, die über die verschiedenen Idiome hinweg eine Einheit darstelle. Mit anderen Worten: Literatur evoziere „eine Welt ihrer eigenen Sprache“, die mit der Kategorie des Scheins bestimmbar werde. Wellek unterschlug dabei aufs neue die Geschichtlichkeit der Literaturkritik selber, die doch im Rezeptionsakt Literatur erst realisiert und konkretisiert.

Anders als im Sinne des formalistischen Literaturbegriffs von Wellek reflektierten die Beiträge der wohl aktuellsten Sektion, „Literarische Kommunikation und Rezeption“, nachdrücklich die historische Bedingtheit der Literatur sowie ihrer Kritik und hoben die Opposition von Fiktion und Realität auf, indem sie erklärten, die Fiktion verschaffe Aufschlüsse über die Realität. In den methodologisch orientierten Sitzungen dieser Sektion waren die rezeptionsästhetischen Ausführungen von H. R. Jauß (Konstanz) sicherlich Höhepunkte. Gleiches hätte man für die „Fortsetzung des Dialogs zwischen ,bürgerlicher‘ und ‚materialistischer‘ Rezeptionsästhetik“ (Jauß) hinsichtlich der Theorie der Literaturrezeption erwarten können. Zu großen Teilen indessen stand die Gemeinsamkeit des Forschungsinteresses im Zentrum, die Literatur in kommunikativer Funktion und gleichsam als geschichtsbildende Kraft erklären wollte, getreu der These, daß das literarische Kunstwerk sich erst im Moment der Lektüre realisiert, also dem Leser die aktive Rolle zufällt. Die Dialektik von Produktion und Rezeption wurde als ein System von Aktivitäten zwischen Autor und Leser (Naumann), eben als Kommunikationsprozeß diskutiert.

Wie aber lassen sich die Grenzen zwischen inadäquater und adäquater Rezeption bestimmen? Dem Hinweis von Jauß auf die Konkretisation im Sinne einer öffentlichen, gesellschaftlichen Anerkennung einer Interpretation müßte nachgegangen werden. Andererseits scheint bei der Entwicklung der Rezeptionstheorie kein Weg an der notwendigen Zusammenarbeit von Textanalyse und Rezeptionsstudien vorbeizuführen. Ob dann am Ende, wie Naumann andeutete, die Aufgabe in einem Bewahren der Literatur vor Interpretationsmißbrauch bestehen sollte, scheint fragwürdig. Es wäre interessant zu erfahren, wie dies im Falle eines surrealistischen Textes funktionieren sollte.

Die Frage, inwieweit sich der rezeptionsästhetische Entwurf von Jauß sinnvoll in die spezifisch komparatistische Perspektive der grenzüberschreitenden Literaturrezeption rücken lasse, stieß auf die Skepsis einiger Komparatisten. M. Gsteiger (Lausanne) und ähnlich H. Dyserinck (Aachen) sowie M. de Gréve (Gent) bekräftigten, wie dringlich erforderlich erst einmal die empirische Verifizierung der Jaußschen Thesen sei, sollten diese nicht auf allzu tönernen Füßen stehen. Jauß widerspricht im Blick auf die internationale Literaturrezeption mit seiner (noch nicht ausgearbeiteten) These der Dialektik vom „Selbstgenuß im Fremdgenuß“ den konkreten Ergebnissen der seit Beginn dieses Jahrhunderts durchgeführten empirischen komparatistischen Rezeptionsforschung. Diese könne in vielen Fällen beim Leser einer anderen Nation und Sprache Barrieren einer Verständigungs- und Identifikationsmöglichkeit registrieren. Deren Ursachen seien etwa im verschiedenen Kontext oder in unterschiedlicher Bildung zu suchen.

Ein positivistischer Registrationsapparat ist die Komparatistik schon lange nicht mehr. Und auch mit der Tradition der werkimmanenten Interpretation kann das Fach nicht mehr viel anfangen. Die Komparatistik sollte sich in Zukunft verstärkt den Erkenntnissen zuwenden, die über die Literaturwissenschaft hinausweisen. Die eindringlichen Plädoyers von U. Weisstein (Bloomington) und St. P. Scher (Hannover, N. H.) für eine „wechselseitige Erhellung der Künste“ haben die Tür zur Allgemeinen Kulturgeschichte aufgestoßen. Der „Imagologie“ jedoch, die Probleme nationaler Stereotypenbildung und -Wirkung in der Literatur und deren Wissenschaften auf ihre Tragweite für die internationale Kommunikation untersucht und damit als historische Sondergattung der Komparatistik verwandte Fragestellungen der politischen wie der Sozialpsychologie berührt – dieser Sonderabteilung, die noch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg en vogue war, verschafften in Innsbruck lediglich M. Gsteiger und H. Dyserinck (Aachen) Gehör. Das ist bedauerlich. Denn die Komparatistik hat doch unter anderem mit der imagologischen Erweiterung ihres Programms demonstrativ die Ziele einer friedlichen Koexistenz der Völker und Nationen anerkannt. Der kommende Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, 1982 in Pavia, kann hier Versäumtes nachholen: Sein Thema wird imagologisch sein. Der nächste Weltkongreß der Komparatisten findet in drei Jahren unter dem Vorsitz der neugewählten Präsidentin Eva Kushner (Montreal) in New York statt.