Cuernacaca, im August

In einem Protestbrief an Präsident José López Portillo wollen sich prominente, wohlhabende Bürger Mexikos über die Beschneidung ihrer persönlichen Freiheit beschweren. Die Millionäre fühlen sich durch das machtbewußte Auftreten von siebzig hauptsächlich amerikanischen und persischen Privatpolizisten in der Provinzstadt Cuernacaca, hundert Kilometer südlich von Mexico-City gelegen, belästigt und gekränkt. „Wer herrscht eigentlich in Mexiko?“ fragt einer der Bedrängten, der gerade Unterschriften Gleichgesinnter sammelt: „Unsere Regierung und ihre Ordnungsorgane – oder der Ex-Schah von Persien und seine Leibgarde?“

Rücksichtslos hat die Privattruppe des ehemaligen iranischen Kaisers in Cuernacaca einen Sicherheitsgürtel um Reza Pahlewi gezogen, den keiner unkontrolliert passiert – nicht einmal die schwerreichen Nachbarn in der Privatstraße „Dos Rios“ („Zwei Flüsse“) auf dem Weg in ihre eigenen Häuser.

Wie jeder Bote, der frische Brötchen und die Zeitungen bringt, müssen sich die gut betuchten Besitzer der Luxusresidenzen neben dem Schah-Domizil immer wieder strengen Personenüberprüfungen und unangenehmen Leibesvisitationen unterwerfen. Auf ihre lautstarken Proteste reagieren die persischen Prätorianer gewöhnlich damit, daß sie demonstrativ ihre Hände an ihre Maschinenpistolen legen. Kein Wunder, daß in mexikanischen Zeitungen immer häufiger vom „Bunker des Schah“ die Rede ist und daß ironische Vergleiche mit Anastasio Somozas einstiger Guardia National in Nicaragua auftauchen.

Der „Bunker“ in der ruhigen Kurstadt, den der Schah für täglich 2000 Mark gemietet hat, ist ein Komplex von fünf hinter einer zweieinhalb Meter hohen Mauer verborgenen, prachtvollen Villen. Jede liegt in einem eigenen Park und hat einen Swimming-pool. Hier halten der Ex-Kaiser, Farah Dibah und die Schah-Mutter im alten Stil hof, als sei nichts geschehen, und empfangen aus den USA und Europa anreisende Getreue oder treue Freunde wie den Schicksalsgefährten Richard Nixon.

Von hier aus schickt Reza Pahlewi seine Vertrauten in die westliche Welt hinaus, um Möglichkeiten für sichere, lukrative Anlage seines aus Iran mitgeschleppten Vermögens zu erkunden.

Über mangelnde Aufwartungen des mexikanischen Geldadels braucht er sich – trotz lokalen Unbills – nicht zu beklagen. Immerhin will der Schah auch in seinem Gastland investieren, vor allem in großen Tourismusprojekten. Dadurch könnte er sein derzeit nur jeweils drei Monate gültiges Touristenvisum, mexikanischen Einwanderungsgesetzen entsprechend, in eine Dauerauf aufenthaltsgenehmigung umwandeln.