/ Von Helmut Schneider

Allen Jones, er wird am kommenden Samstag zweiundvierzig. Jahre alt, macht es dem Betrachter leicht, die Absichten seiner Malerei mißzuverstehen. Die unzweideutigen Motive, die ihm den Ruf eines Spezialisten für bestimmte erotische Themen eingetragen haben, schieben sich in den Vordergrund: Die Pinups mit Silikon-Brüsten, mehr noch die vom übrigen Körper losgelösten Damenbeine, die in seinen Bildern ein fetischistisches Eigenleben führen, signalisieren eine Bilderwelt, die typisch ist für einschlägige Magazine – und aus solchen hat Jones auch Anregungen bezogen.

Sein Umgang mit diesen Motiven verweist jedoch nicht zurück auf deren pornographische Herkunft, seine Art der Darstellung macht deutlich, daß es ihm auf den richtigen Einsatz der bildnerischen Mittel ankommt. Die „Verschmelzung von Gegenstand und Farbe“, die er bei Jackson Pollock beobachtete, war der Ausgangspunkt für seine eigenen Überlegungen, die weniger mit Bildinhalten als mit Fragen der künstlerischen Realisierung zu tun hatten.

Farbe definiert Räume

Die Retrospektive von Jones malerischem Werk, die zunächst in drei englischen Städten zu sehen war, jetzt in Baden-Baden Station macht und anschließend noch in Bielefeld gezeigt wird, enthält einige Gemälde, auf die man hätte verzichten können, und ein paar wichtige nicht. Das Frühwerk aus den Jahren 1960 bis 1964, für die künstlerische Entwicklung des Malers von grundlegender Bedeutung, ist etwas unterrepräsentiert, immerhin aber durch Arbeiten belegt, die veranschaulichen, welche Probleme Jones damals beschäftigten.

„Der Künstler denkt“, Titel und Thema des 1960 entstandenen Gemäldes sind programmatisch, zeigt die Gedanken des Künstlers beim Herstellen dieses Bildes: Aus einem Kopf am unteren Bildrand, er ist ein stilisiertes Selbstporträt, steigt eine Sprechblase auf, angefüllt mit ungegenständlichen Formen aus dem Repertoire des Abstrakten Expressionismus. Inmitten dieser nur durch Farbe definierten Bildzonen entdeckt man eine Linie, die den Umriß eines Rückens nachzeichnet (es handelt sich um einen Teil der Rückansicht eines Pinups). Jones hatte ein ungegenständliches Bild gemalt, in das Figuratives integriert war. Es funktionierte, weil er die auf Wirklichkeit bezogene Form ebenso als Zeichen auffaßte wie die Farbfelder, die einheitliche Bildstruktur also nicht durchbrochen wurde.