Quo vadis, Chomeini? Anatomie der frommen Machtergreifung in Teheran

Von Christopher De Kretser

Teheran im August

Der Schah von Persien übersah die tief verwurzelten Traditionen seiner Untertanen und versuchte, den Iran ins 21. Jahrhundert zu peitschen. Den Ajatollah Chomeini hingegen kümmerte es nicht, daß seine Landsleute Geschmack an der Moderne gefunden haben: Er gedenkt, die Uhr um 1400 Jahre zurückzudrehen.

Lag eine bessere Zukunft in der „Großen Zivilisation“ des Schahs, oder wird Iran seine prachtvolle Vergangenheit dank Chomeinis „Regierung der Theologen“ einholen? Sechs Monate nach einer historisch einzigartigen Revolution ist unübersehbar: Weder die glitzernde Diamanten-Krone des gestürzten Autokraten noch der schlichte, schwarze Turban des herrschenden Theokraten taugen als Symbole der Hoffnungen, Wünsche und wahren Bedürfnisse des 35-Millionen-Volkes, dessen unvorstellbarer Ölreichtum eigentlich ein Garant von Glück und Wohlstand sein sollte. Doch von „Glück“ kann in Persien keine Rede mehr sein.

Denn wieder einmal bestimmt ein einzelner Sterblicher das Schicksal der Nation. Der „König der Könige“, das „Licht der Arier“ wich „Gottes Propheten“, dem unmittelbaren Repräsentanten des 12. Imam, jenem historischen Jünger von Persiens muslimischen Schiiten, der – so will es das Dogma – eines Tages als neuer Messias wiederkehren wird. Als Ajatollah Chomeini nach 15jährigem Exil persischen Boden betrat, um die Revolution zu führen, verehrte ihn die Nation en masse – ausgenommen von wenigen Profiteuren des Schah-Regimes. In unvorstellbaren Ausbrüchen von Massen-Hysterie warfen sich ihm buchstäblich Millionen entgegen.

Chomeini symbolisierte mit seiner Person das vereinte Bemühen eines Volkes, die Ketten der Tyrannei nach einem halben Jahrhundert unter derPahlewi-Dynastie zu sprengen. Doch für viele der tapfersten Revolutionäre hat inzwischen die Revolution eine unangenehme, ungewollte und unglückliche Wende genommen. Der Iran steht am Rand von Bürgerkrieg und Anarchie, die Volkswirtschaft ist ruiniert.