Von Kurt Becker

Hat Kurt Biedenkopf seine politische Zukunft aufs Spiel gesetzt oder sogar schon hinter sich? Biedenkopf, der innerhalb der Union nächst Helmut Kohl und Franz Josef Strauß über die Jahre hinweg am meisten und oft am interessantesten von sich reden machte, verliert jedenfalls unaufhörlich an Rückhalt. Wo sich einst die Phantasie an ihm entzündete und er der Handvoll Unionspolitikern zugerechnet wurde, die in den achtziger Jahren zu den wichtigsten Führergestalten aufsteigen könnten, da breitet sich längst Skepsis und Reserviertheit aus. Das Debakel von Dortmund vom vergangenen Wochenende – Biedenkopf wurde dort nur noch mit sechzig Prozent der Stimmen seines westfälischen CDU-Landesverbandes zum Vorsitzenden wiedergewählt – hat diese Entwicklung nun auf einen Tiefpunkt geführt.

Dabei steht ja ganz außer Frage, daß Biedenkopf zu den brillanten Denkern unter den Politikern unseres Landes zählt. Sein Sachverstand und sein Darstellungsvermögen faszinieren die Intelligenz innerhalb und außerhalb der Partei. Schließlich: Strauß hat ihm Ende vorigen Jahres öffentlich attestiert, er sei aus jenem Holze, aus dem Kanzlerkandidaten geschnitzt werden. Viele andere dachten ähnlich, allzu offenkundig auch Biedenkopf selber.

Der Dortmunder Vertrauensentzug mag besonders schroff ausgefallen sein, weil Biedenkopf dem Irrtum erlag, seine rigorose Kritik an der eigenen Partei werde heilsam wirken und darum seine Stellung stärken. In seiner Philippika wetterte er gegen die fehlende Bereitschaft der Union, Konflikte offen und öffentlich auszutragen, als ob dies unter Strauß leichter werde denn unter Kohl; gegen das Defizit an Politik, weil das Verlangen nach Geschlossenheit der Partei mit dem Verzicht auf Politik erkauft werde; gegen die Betriebsblindheit und Selbstgefälligkeit mit dem Ergebnis, daß das Personalgerangel die Inhaltsdebatten verdränge.

Im Kern hat Biedenkopf die wunden Punkte der Union getroffen. Mit seinem Befund steht er nicht allein. Aber da er zugleich Kohl und Generalsekretär Geißler mit herber Kritik überzog, war Biedenkopf, bar jeglichen taktischen Einfühlungsvermögens, für eine Generalabrechnung der falsche Mann am falschen Ort. Manche verschlugenen Pfade, die er in den vergangenen Jahren einschlug, haben die Zweifel an der Kontinuität seines Handelns gestärkt. Vor vier Jahren hat er, der einstige Generalsekretär, in einem Handstreich die CDU dazu getrieben, Kohls Kanzlerkandidatur vorzeitig und ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeit der bayerischen Schwesterpartei auszurufen. Doch war er auch der erste, der sich nach der verlorenen Bundestagswahl um Kohl überwarf, sich von ihm abwandte und Anfang dieses Jahres in einem Memorandum die Ablösung Kohls als Oppositionsführer im Parlament forderte. Und er war einer der ersten, der sich für eine Strauß-Kandidatur erwärmte und sich alsbald nach der Ernennung Ernst Albrechts zum Kanzlerbewerber der CDU vehement für den CSU-Vorsitzenden einsetzte. So geriet Biedenkopf nicht nur in den Ruf, seiner eigenen Karriere alles unterzuordnen. An ihm kühlen sich auch die Gemüter jener, die nach Kohls Rückzug und Straußens Kandidatur nicht sogleich in den Ruf ausbrechen wollten: Der König ist tot, es lebe der König.

Biedenkopfs schwarzes Wochenende in Dortmund war nicht sein erster, aber sein schwerster Rückschlag. Vor dem letzten Bundestagswahlkampf verrannte er sich, ausgerechnet im Ruhrgebiet, in einen Feldzug gegen die Filzokratie von Sozialdemokraten und Gewerkschaften – und verfehlte das von ihm erhoffte Wahlergebnis. Er legte sich mit dem linken Flügel der CDU an, der sich durch seine Vorstellungen über die künftigen Grenzen des Sozialstaates der eigenen Philosophie beraubt fühlte. Sein Geschwindeinstieg in die Parteispitze des westfälischen Landesverbandes weckte mancherlei Argwohn. Und jetzt fällt er über die eigene Parteiführung her, zu einem Zeitpunkt, an dem sich Strauß sichtbar um Ausgleich und Annäherung bemüht.

Wie kann ein Mann mit so viel scharfem Verstand so viele Fehler begehen, wo es doch zur wichtigsten Tugend eines Führers in der Politik gehört, Fehler zu meiden wie das Feuer? Da Biedenkopf zudem das breite Publikum nicht um sich zu scharen vermag, steht er momentan ziemlich verlassen da. Die Diskrepanz ist gewaltig: auf der einen Seite schwindende Zustimmung der Partei, auf der anderen Seite die überragende Fähigkeit zur Organisation einer Partei und zur politischen Urteilskraft.